Titel Projekt Suchtprävention: Über Gefühle sprechen
Abstract Darstellung einer Unterrichtssequenz aus einem zweiphasigen Suchtpräventionsprojekt. Die Schülerinnen und Schüler reflektieren ihren eigenen Umgang mit Stimmungen, erfahren wie andere damit umgehen und finden gemeinsam Wege für ein suchtfreies Verhalten in Problemsituationen.
Schwerpunkt Den Lehrplantext gut strukturiert zugänglich machen; Umsetzungsbeispiele zu einzelnen Lehrplanpassagen anbieten; methodische Anregungen bieten.
Schulstufe 7., 8. Schulstufe Beitragstyp Beispiel
Fach/Fächer Deutsch Bezüge zu anderen Fächern Biologie und Umweltkunde
Zeitaufwand 3 Unterrichtseinheiten Einschätzung der Schwierigkeit mittel
Autoreninfo:

Gerhard Eigner

seit 1984 Lehrer an der IHS
Leipziger Platz, 1200 Wien;
Fächer: Deutsch, Biologie, Informatik

E-Mail: ger.eigner@aon.at

Feinziele

Die Schülerinnen und Schüler können

  • formulieren, wie sie sich in bestimmten Stimmungslagen verhalten.
  • in der Kleingruppe über ihr Verhalten sprechen und erfahren, wie
    sich andere in dieser Situation verhalten und damit zurechtkommen.
  • im Rollenspiel gemeinsam mit anderen eine positive Lösung für
    eine Problemsituation darstellen.

Inhalt

Vorbemerkungen

Die gegenständliche Unterrichtssequenz war im Frühjahr 2002 Teil eines zweiphasigen Suchtpräventionsprojektes mit einer dritten Hauptschulklasse. Der erste Teil – aus dem die vorliegende Unterrichtssequenz stammt - dauerte vier Tage und fand in einer Selbstversorgerhütte im Waldviertel statt. Das hatte unter anderem den unschätzbaren Vorteil, dass wir ein ganzes Haus und die nähere Umgebung ungestört zum Arbeiten zur Verfügung hatten und nie in einer wichtigen Phase vom Pausenläuten unterbrochen wurden.
Der zweite Teil des Projektes dauerte fünf Tage und war in der Schule lokalisiert, aufgelockert durch einen Vormittag auf einer Kletterwand.
Genauere Angaben zum Inhalt beider Projektphasen finden Sie im Kommentar dieses Beispiels.

 

Vorbereitungsarbeiten

Für alle Schülerinnen und Schüler werden jeweils acht Kärtchen mit Satzanfängen zu einer bestimmten Stimmungslage vorbereitet. Außerdem benötigen wir noch für jede Gruppe Stifte, ein Plakat und Klebstoff.
Die Idee zu den Satzkärtchen stammt aus "Suchtprävention" von Karla Drechsler-Schubkegel, Verlag Auer, Donauwörth 1999. Ich habe die Kärtchen, die Auswertung und das Rollenspiel aber modifiziert und weiterentwickelt.

  Download der Datei „Satzkärtchen.doc“

 

Beschreibung der drei Unterrichtseinheiten

  • Die Schülerinnen und Schüler bilden Gruppen zu vier bis fünf Teilnehmerinnen bzw. Teilnehmern. Dabei achten wir darauf, dass in jeder Gruppe Buben und Mädchen sind. Alle Beteiligten erhalten die „Satzkärtchen“ und jede Gruppe ihren Arbeitsauftrag:
    1. Vervollständige die Sätze auf deinen Kärtchen, indem du aufschreibst, wie du gewöhnlich in dieser Situation reagierst!
    2. Wenn du ein Wort nicht verstehst, lass es dir von einer Mitschülerin oder einem Mitschüler erklären!
    3. Besprich deine Verhaltensweisen mit den anderen Mitgliedern deiner Gruppe!
    4. Sucht Gemeinsamkeiten und Unterschiede!
    5. Besprecht, welche Verhaltensweisen „O.K“ sind und welche „problematisch“ sein könnten.
    6. Begründet eure Meinungen!
    7. Untersucht, ob sich Mädchen in der gleichen Situation ähnlich oder anders als Buben verhalten!
    8. Sprecht über mögliche Ursachen!
    9. Gestaltet mit euren Sätzen ein Plakat!
    10. Überlegt, nach welchen Gesichtspunkten ihr die Sätze ordnet!
    11. Begründet eure Wahl!
    12. Überlegt, wie ihr euer Plakat den anderen Gruppen präsentieren wollt!

      Zeitrahmen: 30 Minuten
  Download der Datei „Arbeitsauftrag.doc“
  • Jede Gruppe stellt im Plenum ihr Plakat vor und referiert über die gewonnenen Erkenntnisse.
  • Nach einer kurzen Pause wählt jede Gruppe eine Situation aus, in der sich ein junger Mensch sehr ärgert oder fürchtet, deprimiert, wütend, eifersüchtig, traurig, ... ist, und erarbeitet zu dieser Situation ein kurzes Rollenspiel. Das kann eine Situation in der Familie, in der Klasse, im Freundeskreis, auf der Straße oder in einem Film sein.
    Zeitrahmen für die Darstellung: fünf bis zehn Minuten
  • Ziel ist eine möglichst positive Lösung für alle Beteiligten. Niemand soll am Ende mit einem schlechten Gefühl zurückbleiben. Zum Erarbeiten können sich die Gruppen aus dem Klassenverband zurückziehen. Es steht dafür ein Raumplan zur Verfügung und die Schülerinnen und Schüler werden auf die Einhaltung des Zeitrahmens hingewiesen.
    Es stehen zwei Lehrerinnen bzw. Lehrer zur Unterstützung zur Verfügung.
  • Im Anschluss an jede Darbietung wird das Spiel von den anderen Schülerinnen und Schülern analysiert. (Siehe Ergebnis und Feedback.)
Lehrplanbezug

Lehrplan der Hauptschule
Erster Teil
Allgemeines Bildungsziel
4. Aufgabenbereiche der Schule
Kompetenzen

„Eine so erworbene Sachkompetenz bedarf allerdings der Erweiterung und Ergänzung durch Selbst- und Sozialkompetenz. Die Entwicklung der eigenen Begabungen und Möglichkeiten, aber auch das Wissen um die eigenen Stärken und Schwächen sowie die Bereitschaft, sich selbst in neuen Situationen immer wieder kennen zu lernen und zu erproben, ist ebenso Ziel und Aufgabe des Lernens in der Schule wie die Fähigkeit und Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, mit anderen zu kooperieren, Initiative zu entwickeln und an der Gestaltung des sozialen Lebens innerhalb und außerhalb der Schule mitzuwirken („dynamische Fähigkeiten“).(...)“

Fachlehrplan Deutsch
Bildungs- und Lehraufgabe:

„(...) Im Besonderen sollen die Schülerinnen und Schüler befähigt werden,
- mit Sprache Erfahrungen und Gedanken auszutauschen, Beziehungen zu gestalten und Interessen wahrzunehmen; (...)“

Beiträge zu den Bildungsbereichen:
Mensch und Gesellschaft:

„Der Deutschunterricht soll Urteils- und Kritikfähigkeit, Entscheidungs- und Handlungskompetenzen weiterentwickeln. (...)“

Didaktische Grundsätze:
„(...) Gelegenheiten zum Sprechhandeln, auch in realen Situationen, sind so oft wie möglich zu nützen. (...)“

Lehrstoff:
Kernbereich:
1. - 4. Klasse:
Sprache als Grundlage von Beziehungen

„Erlebnisse, Erfahrungen, Gedanken austauschen: Erlebnisse, Erfahrungen und Gedanken mündlich und schriftlich partnergerecht mitteilen.“

Fachlehrplan Biologie und Umweltkunde
Bildungs- und Lehraufgabe:

„(...) - Personale und soziale Kompetenzen wie Kommunikationsfähigkeit, Kooperation, Konflikt- und Teamfähigkeit, emotionale Intelligenz sollen erworben bzw. gefördert werden.“

Kommentar

Grundsätzliche Überlegungen zum Thema:
Drogensucht hat ihre Ursachen nicht primär in der Existenz von Drogen und Drogenmissbrauch, sondern entsteht aus dem Versuch, Ängste zu betäuben sowie Sehnsüchte und unangenehme Gefühle zu verdrängen.
Deswegen geht es in diesem Projekt und in der gegenständlichen Unterrichtssequenz weniger um Suchtmittel und Suchtformen, als um junge Menschen, um Persönlichkeiten, mit all ihren Ängsten, Träumen, Hoffnungen, Stärken und Schwächen.
Texte, Übungen, Lieder, Gespräche, Bilder, Filme und Plakate sollen den Jugendlichen dabei helfen, ein klareres Bild von sich selbst, den eigenen Wünschen, Hoffnungen, Ängsten und Sehnsüchten zu machen und Wege zu finden, wie sie damit umgehen können.


Das gesamte Projekt im Überblick:
Schwerpunkte der ersten Projektphase waren unter anderem:

  • Ich lerne mich selbst besser kennen – meine Stärken, meine Schwächen
  • Wie sehe ich mich selbst – wie sehen mich andere? (Selbstbild-Fremdbild)
  • Meine Träume, Wünsche, Hoffnungen – Wie sehe ich mich in zehn Jahren?
  • Was bedeutet für mich Glück?
  • Auf das Glück darf man nicht warten – man muss ihm entgegengehen
  • Wege zur Lebensgestaltung
  • Stoffliche und nicht stoffliche Formen der Sucht
  • Wie gefährdet bin ich?
  • Ursachen für Suchtverhalten
  • Wege aus dem Suchtverhalten

In der zweiten Projektphase ging es primär um die Stärkung des Selbstwertgefühles und darum die eigenen Grenzen auszuloten. Das Klettern auf einer zehn Meter hohen Kletterwand des Alpenvereines in Wien half beim Erreichen mehrerer Ziele:

  • Möglichkeiten zur sinnvollen Freizeitbeschäftigung kennen lernen
  • Die eigenen Grenzen abschätzen
  • Vertrauen in die eigene Leistungsfähigkeit gewinnen
  • Verantwortung für sich selbst übernehmen (Kontrolle der Knoten und Karabiner)
  • Verantwortung für einen anderen übernehmen (Sicherung am Seil durch eine Mitschülerin/einen Mitschüler)
  • Sich gegen den Druck der Gruppe für die eigene Sicherheit entscheiden (Nein sagen lernen)

Zuordnung Kern- bzw. Erweiterungsbereich:
Aus meiner Sicht ist die vorgestellte Unterrichtssequenz eindeutig dem Kernbereich des Lehrplanes zuzuordnen.

Voraussetzungen:
Notwenige Voraussetzungen für das Gelingen sind sicher eine Atmosphäre des Vertrauens und der Vertrautheit der Schülerinnen und Schüler untereinander, Erfahrung der Schülerinnen und Schüler mit Rollenspielen sowie das Akzeptieren und Beherrschen der Regeln der Interaktion in der Gruppe.

Methodik/Differenzierung:
Meiner Erfahrung nach beteiligen sich die meisten Kinder sehr gerne an Rollenspielen. Nicht selten erlebt man als Lehrer dabei die Überraschung, dass im „Normalunterricht“ eher stille und zurückgezogene Schülerinnen und Schüler im Rollenspiel „aufwachen“ und ungeahnte Fähigkeiten zeigen.
Natürlich muss man die Kinder von der ersten Klasse an langsam an das Rollenspiel heranführen und daran arbeiten, dass auch scheue Kinder die Angst vor dem Spiel vor den anderen ablegen. Während manche Schülerinnen und Schüler genauere inhaltliche Vorgaben benötigen, erweisen sich andere als ungeheuer kreativ. Hier bietet sich sicherlich auch die Notwendigkeit bzw. die Möglichkeit zur Differenzierung, indem die Lehrkraft mehr oder weniger stark beratend eingreift, während die Schülerinnen und Schüler das Rollenspiel
vorbereiten.
Für sehr wichtig halte ich auch, dass jede Darbietung im Forum analysiert und besprochen wird, so dass jedes Kind sowohl ein Feedback für die Gruppenleistung als auch für die individuelle Leistung beim darstellenden Spiel erhält. Hier bietet sich für die Schülerinnen und Schüler auch die Möglichkeit zur Weiterentwicklung der sozialen Kompetenz: Wie kritisiere ich ohne zu verletzen und wie gehe ich mit Kritik um?

Hinweise auf andere Beiträge:
Heimische „Ekeltiere“
Konflikte verstehen – über Gefühle sprechen, schreiben
Stationenplan: Konflikte


Ergebnis und Feedback

Am Ende des gesamten Projektes gaben wir den Kindern die Möglichkeit zur Projektkritik.

  Download der Datei „Projektkritik.doc“


Die Schülerinnen und Schüler wurden angeregt zu sagen und zu schreiben, welche Phasen des Projektes ihnen mehr zusagten und welche weniger. Verbesserungsvorschläge konnten eingebracht werden.
Signifikant war auch bei diesem Projekt, dass die Schülerinnen und Schüler dem Sprechen den Vorzug gegenüber dem Schreiben geben.
Alle gaben an, dass ihnen das Projekt sehr gut gefallen habe. Vor allem die Tage in der Selbstversorgerhütte fanden großen Anklang. Erwartungsgemäß fanden Sequenzen mit Partner- und Gruppenaktivitäten, insbesondere aber Rollenspiele sehr guten Anklang bei den Jugendlichen. Manche hätten gerne mehr über die einzelnen Drogen und ihre Wirkungsweise erfahren. Das war aber bei diesem Projekt bewusst nur am Rande behandelt worden, wurde aber später im Biologieunterricht von mir nachgeholt.
Die Beurteilung der eigenen Arbeit war bis auf wenige Ausnahmen sehr realistisch und ehrlich. Nur bei zwei Schülern gab es kleinere Differenzen zwischen der Selbstwahrnehmung und unserern Eindrücken.
Ob das Ziel der Suchtprävention erreicht wurde, wird die Zukunft zeigen.
Wenn das Projekt auch nur einen Jugendlichen von einer Drogenkarriere abhält, war es erfolgreich.

Schnappschüsse von der Projektwoche:
Die folgenden Aufnahmen sind im März 2002 während des Projektes in der Gmünder Hütte bei Karlstift/Waldviertel und in der Blockheide bei Eibenstein entstanden.

 

Reflexionen über die Leistungsbeurteilung:

Die Rollenspiele wurden vom Publikum anhand folgender Kriterien analysiert:

Wie gut passt der Inhalt des Stückes zum Thema?

  • Wirkt die Situation eher realistisch oder sehr konstruiert?
  • Inwieweit ist es den Darstellern gelungen, ihre Rolle glaubwürdig zu spielen?
  • Welche Argumente wurden gebracht?
  • Ist es gelungen, eine für alle zufrieden stellende Lösung zu finden?
  • Welche anderen Lösungen wären möglich?

Leistungen von Schülerinnen und Schülern im Bereich Sprechen sind in der Leistungsbeurteilung grundsätzlich gleichwertig mit jenen im Bereich Schreiben zu berücksichtigen.
Ebenso muss die Mitarbeit während der einzelnen Phasen des Projektes in der Leistungsbeurteilung ihren Niederschlag finden. Gute Erfahrungen habe ich damit gemacht, die Schülerinnen und Schüler ihre Arbeit selbst beurteilen zu lassen. Die Jugendlichen neigen aber eher dazu, ihre Leistungen geringer zu bewerten als Lehrerin bzw. Lehrer das tun. Differenzen müssen unbedingt im Gespräch ausgeräumt werden.


[kg]