HS Spitz an der Donau (1): Wie das Lernen in die Hand der Kinder kommt
 
Der Beitrag zeichnet nach, wie es dem Kollegium der Hauptschule Spitz an der Donau gelungen ist, mittels Aufrufkontrollen und Kreativphasen mit zunächst 23 Lernschachteln ein Lernlabor ins Leben zu rufen. Die selbstständige Auseinandersetzung mit Lerninhalten hat dort oberste Priorität. Die Leser/innen bekommen Einblick, wie sich bei der Umsetzung anfänglicher Sand im Getriebe zur Weihnachtsstimmung wandelte und in welches standortspezifische Gesamtkonzept zur individuellen Förderung das Lernlabor eingebettet ist. Wie Schüler/innen das Lernlabor bewerten, zeigt eine kurze Umfrage. „Stimmen aus dem Lernlabor“ ermöglichen authentische Einblicke in das Geschehen.
 
 
Information
 
Titel des Beitrags:  HS Spitz an der Donau (1): Wie das Lernen in die Hand der Kinder kommt
Kategorien:  ISV-Innenansichten
Beitragstyp:  Artikel
Fächerübergreifender Beitrag: Ja
Schulstufen:  5, 6, 7, 8
Schlagworte:  Individualisierung, Lernen, Selbstständige Formen des Lernens
Hauptzielgruppe:  Lehrer/innen
Autoreninformation: 
Karin Grinner
 
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Inhalte
 
Was ist das Lernlabor?
 
„Reagenzgläser, Versuchsreihen und Messverfahren“ – so oder ähnlich lauteten meine Assoziationen, als ich vor einigen Monaten erstmals vom Lernlabor an der Regionalhauptschule Wachau in Spitz an der Donau hörte. Nach erster Auseinandersetzung mit der Thematik meinte ich zu erkennen, dass meine naturwissenschaftliche Vorbelastung mich ein wenig in die Irre geleitet hatte: Das Lernlabor ist ein methodischer Zugang, der in Spitz allen Fachrichtungen offen steht. Nach näherer Betrachtung bzw. einem Besuch des Lernlabors war klar, dass meine ersten Assoziationen so falsch doch nicht waren: Wolfgang Amadeus Mozart findet seinen Platz im Lernlabor genauso wie Versuchsanordnungen zum Magnetismus oder mathematische Knobeleien. Kurz: Das Lernlabor bietet für jeden etwas!

Stimmen aus dem Lernlabor
 
Im „Herzen der Wachau“ gelegen, besuche ich am 21.06.2007 die Regionalhauptschule in Spitz an der Donau, mit der Absicht, das Lernlabor genauer unter die Lupe zu nehmen.

Schulhaus in Spitz an der Donau unter der Lupe (Foto: HS Spitz)

   
Externer Link: HS Spitz an der Donau
 
Nach einem kurzen Vorgespräch mit Schulleiterin Anita Alfanz habe ich die Möglichkeit, selbst am Lernlabor teilzunehmen und mich in einer Gesprächsrunde mit Schüler/innen jener ersten Klassen auszutauschen, die nun beinahe ein Schuljahr lang Erfahrungen mit dem Lernlabor gesammelt haben.

Schulleiterin Anita Alfanz (Foto: HS Spitz)

   
Inspiriert durch Foto und Geschichte eines Mädchens – wir nennen es Marlene - ersuche ich die Schüler/innen, sich vorzustellen, in Marlene eine neue Mitschülerin zu sehen. Meiner Bitte, ihr zu erklären, was sie im Lernlabor erwarten wird, kommen die Schüler/innen wie folgt nach:

Download:   Stimmen aus dem Lernlabor 1  (Info)  (play)

 
Download:   Stimmen aus dem Lernlabor 2  (Info)  (play)

 
Ihre Überlegungen haben die Schüler/innen in Kleingruppen angestellt, auf einem Zettel notiert und mir dann vorgetragen. Die exemplarisch ausgewählten „Stimmen aus dem Lernlabor 1“ stammen von Wolfi R. und Gerhard P., die „Stimmen aus dem Lernlabor 2“ von Sylvia N., Andi A. und Mini M.

Schülerinnen der HS Spitz (Foto: Karin Grinner)

   
Hier eine Zusammenfassung der Überlegungen, die die Schüler/innen angestellt haben. – Wir wollen ihnen in der Folge genauer auf den Grund gehen:
  • „Als Erstes muss man sich eine Schachtel aussuchen.“
  • „Jetzt liest du dir die Arbeitsanweisungen durch und füllst die dazugehörigen Arbeitszettel aus.“
  • „Der rote Zettel sagt dir, was du tun musst.“
  • „Auf dem grünen Zettel stehen die Lösungen.“
  • „Man hat dafür zwei Stunden Zeit.“
  • „Während der Stunde muss man leise sein.“
  • „Wenn man sich nicht auskennt, sollte man Gespräche mit dem Banknachbarn vermeiden und eher den Lehrer fragen.“
  • „Du füllst die Schachtel aus und dann zeigst du dem Lehrer deine gemachten Werke.“
  • „Der Lehrer unterschreibt dann und du bist fertig.“
  • „Beim Lernlabor ist selbstständiges Lernen verlangt.“
  • „Die braven Kinder dürfen manchmal in die Bibliothek, wenn sie fertig sind.“
  • „Hauptsächlich ist das Lernlabor dazu da, dass man mit Spaß das selbstständige Lernen erlernt.“
Tatsächlich geben diese Erklärungen der Schüler/innen bereits einen umfassenden ersten Eindruck. Ein Blick in das Lernlabor, der zunächst mit einem kurzen Rückblick beginnt, soll die Angaben der Schüler/innen näher erläutern und an manchen Stellen erweitern.

Rückblick: Vom Sand im Getriebe zur Weihnachtsstimmung

Inspiriert wurde das Lernlabor der Regionalhauptschule Wachau durch den Besuch einer ähnlich konzipierten Lernwerkstatt in Melk (Private Hauptschule Melk der Kongregation der Schwestern vom göttlichen Erlöser). Zurück an der eigenen Schule berichtet das Team über das Gesehene und Erlebte. Es findet Anklang und man beschließt, das Konzept für die eigene Schule zu adaptieren. Die Idee für das Lernlabor ist geboren.

Zunächst sind es 23 Schachteln aus allen Fachgebieten, die entstehen sollen, von jedem Lehrer/jeder Lehrerin eine, auch die Schulleiterin will den Inhalt für eine Lernschachtel zur Verfügung stellen. Der Richtwert ist dabei eine Arbeitszeit für die Schüler/innen von etwa zwei Unterrichtseinheiten.

Was folgt, wird mir von der Schulleiterin als „feiner Sand im Getriebe“ beschrieben. Die Sache will zunächst nicht so recht in Schwung kommen. Im Wechsel von so genannten Aufrufkontrollen („Wie weit seid ihr mit euren Überlegungen?“) und Kreativphasen („Überlegt euch das über die nächsten zwei, drei Monate, lasst euch das durch den Kopf gehen“) beweist die Leiterin eine gewisse Hartnäckigkeit. Das Ziel zu erreichen, mit Anfang Oktober 2006 das Lernlabor starten zu können, ist hoch gesteckt. Ihre Beobachtungen während der Entstehungsphase stellt uns die Schulleiterin hier zur Verfügung:
  • Unmittelbar nach der Konferenz der Versuch, die Erstellung der Schachteln in den November hineinzuziehen (feiner Sand im Getriebe).
  • Besorgnis, dass die Arbeitsbelastung für die Kolleg/innen zu groß werden könnte.
  • Suche nach Materialien in der Bibliothek, im Internet, in Fachbüchern.
  • Täglich sind alle Computer besetzt, das Laminiergerät ist zentral aufgebaut, alle arbeiten wie besessen.
  • Kolleg/innen, die bis jetzt eher zurückhaltend waren mit der Erstellung von Lernmaterialien, laufen zur Höchstform auf und erstellen auch gleich Schachteln für die 6. Schulstufe.
  • Jede/r ist bemüht, eine Schachtel zu erstellen, die den Kindern Freude bereitet, die sie neugierig macht, es wird auch eifrig darüber diskutiert.
  • Die Schachteln werden verglichen und den anderen Kolleg/innen gezeigt, man bewundert einander wegen der guten Ideen, des Umfanges der Schachteln und der sorgfältigen Herstellung des Materials. Feedback wird erwartet und auch gegeben.
  • Da alle Kolleg/innen mit allen Schachteln arbeiten müssen, werden die Inhalte auch einander erklärt, damit dann während der Arbeitsphase den Schüler/innen auch Ratschläge gegeben werden können und jeder über alle Inhalte Bescheid weiß.
  • Es ist sehr schön für mich, alle so engagiert arbeiten zu sehen und das Entstehen der Schachteln Schritt für Schritt mitzuverfolgen. Alle sind nur noch gespannt, was die Kinder dazu sagen werden, fast ein bisschen wie Weihnachtsstimmung.


emsiges Treiben im Konferenzzimmer (Foto: HS Spitz)

  emsiges Treiben im Konferenzzimmer (Foto: HS Spitz)

Laminiergerät (Foto: HS Spitz)

  ein Berg von Lernschachteln (Foto: HS Spitz)

Es ist vollbracht! Die 23 geplanten Schachteln sind pünktlich fertig geworden, das Lernlabor kann planmäßig am 23. Oktober 2006 aus der Taufe gehoben werden: Voller Erwartung die Schüler/innen, voller Stolz die Lehrer/innen – eben fast ein wenig wie Weihnachten – werden die Lernschachteln an ihren künftigen Platz gebracht und verstaut: fertig für ihren ersten Einsatz.

Schüler/innen präsentieren stolz die Lernschachteln (Foto: HS Spitz)

  Transport der Lernschachteln (Foto: HS Spitz)

Ab jetzt – und das unterscheidet das Lernlabor doch von Weihnachten – soll wöchentlich zwei Einheiten damit gearbeitet werden. In Zeiten von Stundenkürzungen und exakt bemessenem Stundenkontingent stellt sich mir natürlich sofort die Frage, woher diese beiden Stunden kommen mögen. Es gibt doch bestimmt auch in der Wachau keine (Weihnachts-)geschenke!?

Verblüffend einfach, aber logisch ist die Antwort: Jede Lehrerin und jeder Lehrer hat mitgearbeitet, hat sich eingebracht, jedes Fach hat etwas beigesteuert. Es geht niemandem etwas verloren, nein, vielmehr gewinnt jeder durch die gewählte Vorgangsweise: Das Lernlabor startet Montag in den ersten beiden Einheiten und „wandert“ jede Woche einen Platz im Stundenplan weiter. Auf diese Weise kommen so alle Lehrer/innen im Lernlabor zum Einsatz.

Blick in das Lernlabor

Einen vertiefenden Einblick in die Idee des Lernlabors bietet mir die Teilnahme an einer so genannten Lernlaborstunde. Ich begleite Karin Kernstock und Gabriele Freidl, beide Mitinitiatorinnen und jetzt maßgebliche Umsetzerinnen der Lernlaboridee.

Karin Kernstock und Gabriele Freidl (Foto: Karin Grinner)

   
In den Lernlaborklassen besteht die Möglichkeit, mehrere angrenzende Räume zu nützen. Vor Ort erlebe ich die Schüler/innen im „Nahkampf“ mit den Lernschachteln. Es ist ein zunächst ungewohnter Anblick, der sich mir bietet: Die Schüler/innen sind locker verteilt im Raum, wo man hinsieht, weiße Schachteln. Neben der Farbe Weiß (Schachteln) dominieren die Farben Rot (Blätter mit Arbeitsaufträgen), Gelb (Arbeitsmaterial zum Durchlesen) und Grün (Lösungsblätter). Auch abgesehen von den Farben bietet sich mir ein buntes Bild: Zeitgleich sehe ich Schüler/innen, die
  • fachmännisch mit Zirkel oder Geodreieck hantieren,
  • ausgerüstet mit Kopfhörern versunken in einer „anderen Welt“ zu sein scheinen und mich entsprechend wenig wahrnehmen,
  • nach bestimmten Anweisungen ganz konzentriert Papier falten,
  • ich hinter ihren Atlanten verborgen eigentlich nur vermuten kann etc.
Natürlich fehlt es auch nicht an Bewegung im Raum: CD-Player müssen zwecks Stromversorgung ans Netz angeschlossen werden, Kassetten getauscht werden. LÜK-Kästen werden zur Kontrolle gewendet, die Lehrerin muss um Rat gefragt werden oder der gesamte Inhalt einer Schachtel muss nach der sprichwörtlichen Nadel im Heuhaufen durchsucht werden. – Produktiver Arbeitslärm, der das Lehrer/innenherz höher schlagen lässt.

Schüler/innen im Lernlabor (Foto: HS Spitz)

  Schülerin mit Kopfhörern (Foto: HS Spitz)

Ich blättere Mappen durch und stoße auf Lernprodukte aus den verschiedenen Fachgebieten: Von Gedanken zum Klimawandel bis hin zu Origami ist alles vertreten. Darüber hinaus finde ich vielerlei Unterlagen, welche den Mappen einen strukturierten Charakter verleihen und auf eine durchdachte Organisation des Lernlabors schließen lassen.

Innenansicht einer Mappe (Foto: Karin Grinner)

   
Materialien aus dem Lernlabor
 
In der ersten Lernlaborstunde erhalten die Schüler/innen eine Einführung in Theorie und Praxis der Lernlaboridee. Zusammengefasst und abgelegt werden diese einführenden Gedanken in der Lernlabormappe, die jede Schülerin/jeder Schüler führt, unter dem Titel „Willkommen im Lernlabor“.

Download:   Willkommen im Lernlabor  (Info)  

 
In jeder Mappe finde ich eine Liste, in der die Schüler/innen die in der jeweiligen Lernlaborstunde bearbeitete Schachtel vermerken. Die eingetragenen Daten werden von der Lehrerin/dem Lehrer, der die Lernlaborstunde begleitet, abgezeichnet.

Download:   Themenliste Lernlabor  (Info)  

 
Für das Schuljahr 2006/07 stehen für die fünfte Schulstufe folgende Themen aus den genannten Fachbereichen zur Verfügung:

  1. Lesetraining (D)
  2. Vocabulary (E)
  3. Reading (E)
  4. Magnetismus (PC)
  5. Rechnen mit Brüchen (M)
  6. Palindrome (M)
  7. Mathematische Knobeleien (M)
  8. Pistenregeln/Sportquiz (BS)
  9. Verben (D)
  10. Origami – Mobile (WE)
  11. Kennst du Europa? (GW)
  12. Rittersleut (D)
  13. Schnecken (BU)
  14. Vielfalt in der Küche (EH)
  15. Farbe und Farbkreis (BE)
  16. Wiener Klassik (ME)
  17. Komponisten Wiener Klassik (ME)
  18. Vincent van Gogh (BE)
  19. Die Fälle des Nomens (D)
  20. Das Wetter (P)
  21. Tangram (M)
  22. Winkel und Winkelsymmetrale (M)
  23. Klimawandel (PC/GW)

   
Bei der Erstellung der Schachteln ging man, wie mir Karin Kernstock und Gabriele Freidl berichten, an der Schule nach folgender Maxime vor: „Die Beschäftigung der Kinder mit dem Lernmaterial steht im Vordergrund. Sie müssen wirklich damit beschäftigt sein und sie müssen etwas zu tun haben. Das steht bei vielen Schachteln im Vordergrund. Sie sollen sich auch vom normalen Unterricht unterscheiden. Zumindest greifen sie nach diesen Schachteln am allerliebsten.“

Beliebt sind Puzzles und Spiele – durchaus auch im Wechsel mit Schreiben – sowie die Arbeit mit verschiedenen Medien. Auch das handwerkliche Moment spielt eine Rolle. Die Schüler/innen schätzen Lernschachteln besonders, die Bewegung ermöglichen: Der Freiraum, etwa aus der Bibliothek ein Buch holen zu dürfen, ist ihnen wichtig. „Die Musik zu ‚Peter und der Wolf’ – also meine lieben das mit den Kopfhörern.“ Unbeliebt hingegen sind Schachteln, die zu viel Schreibarbeit verlangen und wenig kreatives Potential zulassen.

Lernschachtel "Magnetismus" (Foto: Karin Grinner)

  Lernschachtel "Komponisten der Wiener Klassik" (Foto: HS Spitz)

Jene Lehrer/innen, die laut Stundenplan die Lernlaborstunde betreuen, sind angehalten, ihre Beobachtungen bezüglich Arbeitsverhalten etc. an den Klassenvorstand weiterzugeben. Dieser stellt am Ende jedes Semesters einen Bewertungsbogen für jeden Schüler/jede Schülerin aus.

Download:   Bewertungsbogen Lernlabor  (Info)  

 
Nachfragen
 
Im Anschluss an den Besuch des Lernlabors versuche ich, im Gespräch mit dem Team der Regionalhauptschule Wachau das Konzept des Lernlabors noch weiter zu durchdringen. Wir reflektieren dabei folgende Fragen:
  • In welcher Weise ermöglicht das Lernlabor einen individualisierenden Zugang zum Lernen?
Hier interessiert mich, inwieweit die Lernschachteln Aufgaben auch unterschiedlichen Schwierigkeitsgrades bieten oder ob alle Schüler/innen mit den gleichen Aufgaben konfrontiert werden. Welche Möglichkeit haben Schüler/innen beim Lernen, ihren Interessen entsprechend vorzugehen? Welche Rückmeldung erhalten sie zu ihren Lernergebnissen?
  • Wird Individualisierung hier mit Einzelarbeit gleichgesetzt?
Irritiert hat mich der ausdrückliche Hinweis, dass im Falle von Unklarheiten nicht Klassenkamerad/innen sondern der Lehrer/die Lehrerin um Rat gefragt werden soll.
  • Wie wurde bei der Auswahl der Themen vorgegangen bzw. in welchem Zusammenhang stehen diese mit dem herkömmlichen Unterricht?
Dabei ist für mich auch von Interesse, ob oder wie das Lernlabor mit der Leistungsbeurteilung in Verbindung steht.
Ich erfahre, dass bei der Erstellung der Lernschachteln keine Themen vorgegeben wurden, um der Kreativität der Lehrer/innen freien Lauf zu lassen. Versucht wurde, ein möglichst breites Spektrum an Themen abzudecken. Diesem Grundsatz folgend, wurden auch Themen eingebunden, die nach klassischem „Gegenstandsdenken“ auf der fünften Schulstufe noch nicht vorgesehen wären (z.B. Geschichte oder Physik/Chemie).

Absicht ist es nicht, Teile des Lehrplans herauszulösen, sondern mit den Lernschachteln soll ein zusätzliches Angebot geschaffen werden, auf das man im herkömmlichen Unterricht aufbauen kann. Darin sieht man auch das Hauptargument dafür, dass jeder Schüler/jede Schülerin ausnahmslos jede Schachtel bearbeiten muss. Für mich liegt darin Einschränkung und Chance für die Schüler/innen zugleich. Themenvorlieben und -abneigungen können nur innerhalb eines zeitlichen Rahmens berücksichtigt werden. Gleichzeitig besteht die Möglichkeit, Dinge zu entdecken, auf die man sich möglicherweise freiwillig nicht einlassen würde. Oft entscheidet wohl der Titel über spontanes Interesse an einer Lernschachtel, was nahe legt, die gewählten Bezeichnungen dahingehend zu überprüfen, ob sie für die Schüler/innen aktivierend gewählt sind.

Der Schwerpunkt der Arbeit im Lernlabor liegt auf der Absicht, das Lernen und die Verantwortung dafür in die Hand der Kinder zu legen. Individualisierend sind die Lernschachteln, indem die Schüler/innen selbst über Intensität und Ausmaß der Auseinadersetzung mit dem jeweiligen Thema entscheiden können. Das Zeitmanagement liegt völlig in ihren Händen. Jede/r kann eigenverantwortlich und nach seinem ganz persönlichen Tempo arbeiten. Differenzierte Aufgabenstellungen, wie sie etwa in einer Mathematikschachtel angeboten werden, stellen die Ausnahme dar.

Eine Rückmeldung an die Schüler/innen erfolgt erst am Ende des Semesters und fokussiert das Arbeitsverhalten. Feedback zum Lernergebnis holen sich die Schüler/innen über den Weg der Selbstkontrolle mit Hilfe der Lösungsblätter. Gut Platz finden könnten aufgrund der Organisationsstruktur des Lernlabors kontinuierliche Rückmeldegespräche zwischen Lehrer/innen und Schüler/innen: "Wie komme ich mit der Lernschachtel zurecht?" – "Wie sehe ich dich beim Lernen?"

Die Arbeit im Lernlabor fließt nicht in die Leistungsbeurteilung ein.

Ganz bewusst hat man im Lernlabor nicht auf Partner- oder Gruppenarbeit gesetzt: „Das Selbstständige ist eine der vordergründigen Aufgabengebiete.“ Aus meiner Sicht stellen Selbständigkeit und Zusammenarbeit mit anderen noch keinen Widerspruch per se dar. Mit Blick auf die Einbettung in das Gesamtkonzept der Schule, das vielfache Möglichkeiten auch zur Entwicklung von Teamkompetenz ermöglicht, erscheint die gewählte Vorgangsweise weniger einschränkend.

Rückmeldungen zum Lernlabor

Den Start des Lernlabors im Herbst 2006 hat die Schulleiterin als „Spannung auf der ganzen Linie“ erlebt: Nicht nur die Lehrer/innen selbst haben der Eröffnung mit Vorfreude und Aufregung entgegengesehen, auch die Kinder und deren Eltern haben mitgefiebert. Zweifellos wird das Lernlabor – es geht im Schuljahr 2007/08 bereits in die zweite Runde – seitens der Eltern als attraktives Angebot gesehen.

Noch gut in Erinnerung hat die Schulleiterin, wie groß das Interesse beim letzten Tag der offenen Tür war. Erstmals hatten dort die Eltern Gelegenheit, selbst zu erleben, was sich in den Lernschachteln bzw. hinter der Lernlaboridee verbirgt. „Die Eltern waren auch schon total gespannt. Die Kinder haben natürlich daheim viel erzählt. Und beim Tag der offenen Tür sind wirklich alle Eltern und Großeltern gekommen und jeder wollte die Schachteln sehen, das war überhaupt sensationell. Die Eltern sind zu den Tischen gestürmt: ‚Was hast du da drinnen? Mein Gott, das ist aber gar nicht leicht, da müsst ihr ordentlich arbeiten.’ (...) Die Eltern haben im Atlas geblättert und haben gewerkt (...) und haben gesehen, wie viel die Kinder da tun müssen.“

Die 40 Schüler/innen der beiden Lernlaborklassen wurden von den Lehrer/innen am Ende des ersten Semesters über ihre bisherigen Eindrücke befragt. Elf Aussagen konnten auf einer dreistufigen Skala bewertet werden.

Download:   Evaluationsergebnisse  (Info)  

 
Insgesamt zeigt sich, dass die Schüler/innen dem Lernlabor sehr positiv gegenüberstehen. Negative Äußerungen bleiben die Ausnahme. Diese Ergebnisse decken sich tendenziell gut mit den Rückmeldungen, die ich während des Gruppengesprächs mit den Schüler/innen bekomme:

Es wird überwiegend gern im Lernlabor gearbeitet. Die Schüler/innen genießen es, eine – wenn auch eingeschränkte – Wahlfreiheit zu haben. „Cool wäre es schon, wenn man nicht alle Schachteln bearbeiten müsste.“ Andererseits haben die Schüler/innen auch erlebt, dass sich manchmal Erwartungen und Realität nicht decken. „Die Physikschachtel habe ich mir ärger vorgestellt.“ Bestätigt bekomme ich von den Schüler/innen, dass es nicht immer einfach ist, ohne Hilfe mit den Arbeitsanweisungen zurechtzukommen.

Gruppengespräch mit Schüler/innen (Foto: Karin Grinner)

   
Sehr ernsthaft ist man an der Schule um eine Weiterentwicklung des Lernlabors bemüht. Es wird versucht, „Kinderkrankheiten“ des ersten Jahres auszumerzen, oder wie es die Schulleiterin ausdrückt, „die eine oder andere Lernschachtel zu renovieren.“ So werden etwa...
  • Schachteln, die von den Schüler/innen durchwegs nicht in der vorgegebenen Zeit bearbeitet werden konnten, für den neuen Durchgang überarbeitet.
  • Arbeitsanweisungen, die zu vielfachen Rückfragen geführt haben, neu formuliert.
  • für Schüler/innen, die frühzeitig ihre Arbeit an einer Schachtel beenden konnten, zusätzliche Schachteln mit vermehrtem spielerischen Zugang geschaffen.
  • Lernschachteln aus dem Gebiet Bewegung und Sport so umgearbeitet, dass sie weniger Theorie und dafür mehr Bewegung ermöglichen.

Einbettung in das Gesamtkonzept

Bereits seit zehn Jahren beschäftigt man sich an der Regionalhauptschule Wachau intensiv mit Lehr- und Lernformen. Ein Großteil der Lehrer/innen hat eine Klippert-Ausbildung absolviert. Die praktischen Erfahrungen damit sind in die Entwicklung des Lernlabors eingeflossen.

Hauptinteresse der Entwicklungsarbeit liegt im nächsten Jahr auf den Fachintensivtagen (= FIT). Sie werden auf der siebten und achten Schulstufe als logische Fortführung des Lernlabors betrachtet. Ein Thema soll innerhalb eines Vormittages so intensiv, wie nach Individuallage der Schüler/innen möglich, aufgearbeitet werden. Durchlässigkeit zwischen den Schwierigkeitsstufen und den verschiedenen Niveaus der Auseinandersetzung mit dem Thema soll gegeben sein. Der Zeitrahmen wird sich zwischen minimal drei Unterrichtseinheiten (Beginn siebte Schulstufe) und maximal sechs Unterrichtseinheiten (Ende achte Schulstufe) bewegen. Ergänzend zum Lernlabor und den Fachintensivtagen soll es künftig eine individuelle Lernberatung für die Schüler/innen geben.

Am Ende der achten Schulstufe sollen die Schüler/innen die Regionalhauptschule Wachau mit einem Kompetenzenführerschein verlassen. Dazu gibt es bereits ein Modell, das jedoch noch an die speziellen Kompetenzerfordernisse von Lernlabor und FIT-Tagen angepasst werden soll.

Insgesamt ist die Regionalhauptschule Wachau mit dem vorliegenden Konzept auf dem besten Weg, konsequent an der Umsetzung eines viel versprechenden Ansatzes zu arbeiten: Das Lernen in die Hand der Kinder zu legen!

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Datum der Erstellung: 03.07.2007
Datum der letzten Änderung: 11.12.2007
 
 
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