HS Bernstein (1): Lernen im Team - Vom Urknall zum Produkt
 
Wie eine Schule den Urknall zeitlich neu definiert und für sich pädagogisch aufgearbeitet hat und wie Lehrer/innen und Schüler/innen seither stetig im Team (dazu)lernen, steht im Mittelpunkt dieses Beitrags. Die Leser/innen erfahren, welchen Weg eine Schulleiterin gefunden hat, ihr Team laufend mittels Feedback zu stärken und wie es sich anfühlt, einer Schule anzugehören, wo das Konferenzzimmer Ort der Kommunikation und Mediation ist. Es wird Einblick gewährt in eine spezielle Unterrichtsstunde, die nach Angaben von Schüler/innen den Vergleich mit einer Sonne, einer Blume oder einem Smiley verdient.
 
 
Information
 
Titel des Beitrags:  HS Bernstein (1): Lernen im Team - Vom Urknall zum Produkt
Kategorien:  ISV-Innenansichten
Beitragstyp:  Artikel
Fächerübergreifender Beitrag: Ja
Schulstufen:  5, 6, 7, 8
Schlagworte:  Individualisierung, Sozialkompetenz, Teamkompetenz
Autoreninformation: 
Karin Grinner
 
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Inhalte
 
Einstieg
 
Eigentlich schon am Ende eines Arbeitstages angekommen, treffe ich in Graz meine beiden Interviewpartnerinnen:


Dorothea Peklar (Foto: Karin Grinner)

   
Dorothea Peklar, Leiterin des Teilprojektes "Klassenvorstände" der innovativen Schulen im Verbund und Schulleiterin an der HS Bernstein im Burgenland.

   
Grete Kranawetter (Foto: Karin Grinner)

   
Grete Kranawetter, Leiterin der Themengruppe „Individuelles Fördern 1“ und Klassenvorstand an der HS Bernstein.

   
Externer Link: HS Bernstein
 
Nur kurz währt die Phase des Aufwärmens, schnell sind wir „gefangen“ im Gespräch, das mir als primär Zuhörende, die nur ab und an mit einer Frage den gedanklichen Faden weiterspinnen muss, die Energie und den Tatendrang, mit denen in Bernstein gearbeitet wird, verdeutlicht. Nach zwei Stunden intensivem Austausch gehen wir auseinander, in der Gewissheit, beiderseits unsere Ziele erreicht zu haben: Ich mit einer Fülle von Informationen, Eindrücken und Material. Dorothea Peklar und Grete Kranawetter nach eigenen Angaben mit dem guten Gefühl, in Sachen Dokumentation entlastet und durch das Gespräch zu einer tief greifenden Reflexion ihres Projektes angeregt worden zu sein.

Produkte, die die HS Bernstein in den Verbund einspeist
 
1. Das Konzept „LIT-Stunde“
„Lernen im Team“ (= LIT) wird an der HS Bernstein als Konzept verstanden, das der Förderung der Kompetenzen dient. Der Schwerpunkt im Schuljahr 2006/07 wurde auf die Vermittlung von Methodenkompetenz und auf individuelle Verhaltensweisen gelegt. Das Konzept sieht vor, ein Schuljahr in acht Unterrichtsabschnitte zu teilen, wobei jeder einem so genannten Kernthema gewidmet wird. Kernthemen sind:

  • Warming up
  • Ich und eigene Bedürfnisse
  • Kommunikationstraining (Ausdruck - Mitteilung)
  • Kommunikationstraining (Wahrnehmen und Verstehen)
  • Kooperation und Teamarbeit
  • Feedback
  • Konfliktbewältigung und Humanität
  • Gender- und Diversitykompetenz

   
Eine Stunde pro Woche, jeweils Montag in der ersten Einheit, ist die LIT-Stunde fixer Bestandteil des Stundenplans. Von allen anderen Fächern wird die LIT-Stunde mitgetragen: Die LIT-Planung wird wie eine Folie über alle anderen Jahresplanungen gelegt und damit abgeglichen. So wird sichergestellt, dass von vielen Seiten her am gleichen Ziel gearbeitet wird.

Download:   LIT-Planung (Grundkonzept - 1. Klasse)  (Info)  

 
Ein spezieller Bestandteil der LIT-Stunde ist das so genannte Wohlfühlbarometer: Schüler/innen können am Ende der LIT-Stunde an einem aus Stoff gebastelten Barometer mithilfe einer Wäscheklammer ihren persönlichen Barometerstand sichtbar machen. Befestigt an der jeweiligen Klassentür, macht ein Rundgang durch das Haus deutlich, wie die Stimmungslage ausfällt.

Wohlfühlbarometer (Foto: HS Bernstein)

   
Als exemplarisches Beispiel für die Durchführung einer LIT-Stunde bietet die HS Bernstein eine Einheit zum Thema „Ausdrucksvielfalt“ aus dem Kernthema Kommunikationstraining an. Der folgende Download beinhaltet die Unterrichtsplanung sowie das Arbeitsblatt „Wie sage ich es wo?“.

Download:   Unterrichtsplanung  (Info)  

 
Schüler/innen beim Üben (Foto: HS Bernstein)

   
Beim Üben: „Wie kommunizieren wir in der Schule, während der Stunde etc.?“

   
2. Lernzielleisten zum individuellen Verhalten
Diese Lernzielleisten, entwickelt für die fünfte bis neunte Schulstufe, soll es heuer an der HS Bernstein erstmals als Beilage zum Jahreszeugnis geben. Bei Genehmigung des Schulversuches sollen die Lernzielleisten künftig die im Zeugnis ausgewiesene Verhaltensnote ersetzen. Derzeit dienen die Lernzielleisten als Feedback für die Schüler/innen bzw. für die Eltern z. B. am Sprechtag und sie finden Einsatz in den LIT-Stunden zur Fremdreflexion: Schüler/innen geben sich damit gegenseitig Feedback.

Anwendungsversuche am Schulschluss haben gezeigt, dass die Formulierungen noch nachzubessern sind bzw. ein annähernd gleiches Verständnis hinsichtlich der Formulierungen erforderlich ist. Daran möchte das Team der HS Bernstein künftig noch arbeiten.

Download:   Lernzielleisten 1. - 4. Klasse  (Info)  

 
Rahmenbedingungen, in die LIT-Konzept und Lernzielleisten eingebettet sind
 
Rückblickend betrachtet sah sich das Kollegium vor einigen Jahren zunehmend mit Verhaltensauffälligkeiten seitens der Schüler/innen konfrontiert. Vermehrt wurden Hilferufe im Kollegium laut – oder, wie es meine beiden Interviewpartnerinnen formulieren: „Ein Konzept musste her!“

Als ersten Schritt auf dem Weg zu einem ganzheitlichen Herangehen wurde an der HS Bernstein die so genannte Morgenstunde eingeführt: Unter dem Motto „Vom ICH zum WIR“ sollte eine Stunde am Montagmorgen der Reflexion der Vorwoche und dem sozialen Lernen dienen. Aus dieser Morgenstunde hat sich die heute wesentlich umfassender angelegte LIT-Stunde entwickelt.

Flankiert wurde diese erste Maßnahme von der Einführung eines Schüler/innenparlaments. Es setzt sich zusammen aus jeweils einer Klassensprecherin und einem Klassensprecher pro Klasse, deren selbst ernannten Stellvertreter/innen, einer Lehrerin bzw. einem Lehrer sowie zeitweise der Schulleitung. Die Mitglieder des Schüler/innenparlaments treffen sich in regelmäßigen Abständen, haben ein Mitspracherecht bei der Schulordnung und können einzelne Vertreter/innen zu Teilen von Konferenzen entsenden.

Weiters Aufmerksamkeit geschenkt wurde einer gendergerechten Pausenhofgestaltung: Das Angebot an Platz, an Sitzgelegenheiten und Spielmöglichkeiten in der Aula und im Freien wurde ausgebaut, für Mädchen wie Burschen wurden Rückzugsmöglichkeiten geschaffen.

Unterstützt und aktiv mitgetragen wurden diese unter großem kollegialen Einsatz umgesetzten Maßnahmen von einer Schulleiterin, die sich selbst als „Ermöglicherin“ all dieser Initiativen definiert. Ein starkes Mittel, um die Motivation ihres Teams hochzuhalten, sieht Dorothea Peklar im laufenden Geben von Feedback, insbesondere im Stärken der positiven Energien: „Es ist ganz wichtig das Loben, meine Freude, (...) das empfinde ich ganz tief, (...), dass sich diese Bereitschaft entwickelt hat, sich in die Tiefe zu begeben (...).“

Eine Flipchart, die zum täglichen Überbringer meist froher Botschaften geworden ist, hat einen fixen Platz im burgenländischen Konferenzzimmer. Was immer die Schulleiterin bewegt, welche Eindrücke sie beim Rundgang durch „ihr Haus“ gewinnt, wird mittels Notiz an besagte Flipchart an das Kollegium rückgespiegelt. „Es gibt eine Flipchart, die ist mit meiner Person ganz eng verbunden (...). Ich reflektiere automatisch unsere Arbeit an diese Wand und ja, es wird auch immer wieder gefragt, wenn ein, zwei Tage nichts dort steht: 'Was ist heute?' - So einen Stellenwert hat das bekommen.“
Auf diese Weise ist in den vergangenen Jahren eine beeindruckend dicke „Feedback-Rolle“ entstanden.

Beispiel für Feedback via Flipchart (Foto: HS Bernstein)

   
Beispiel für Feedback via Flipchart (Foto: HS Bernstein)

   
Entwicklungen, die parallel dazu zu beobachten sind
 
Folgende positive Begleiterscheinungen ihres intensiven Wirkens arbeiten Grete Kranawetter und Dorothea Peklar im Zuge des Gesprächs heraus:

„(...) dass jeder einfach gewachsen ist durch die Verantwortung, die er übertragen bekommen hat.“

„(...) dass jeder sehr viel Freiraum hat, sich zu entwickeln in seinem Bereich und dadurch sehr viel Anerkennung bekommt und gerne auch freiwillig arbeitet.“

„(...) dass so Neidsituationen, wie man sie eventuell vorher gekannt hat, dass die auch irgendwie total entschärft sind.“

„(...) es hat im Konferenzzimmer eine Öffnung stattgefunden, dass man sich formulieren traut, wenn es einem nicht gut geht. Und dass es dann Hilfestellungen gibt, egal welcher Art, ob das jetzt nur in Worten ist oder dann auch in Taten.“

„(...) da haben sich Lehrerpersönlichkeiten ja komplett wandeln müssen. Die Grundaussage war: 'Also wir machen das seit 30, 35 Jahren so, also warum was anderes oder warum was Neues, wenn das gut funktioniert?' Das war ein Satz, den ich schon nicht mehr hören hab können. - Ich hab es Killerphrase genannt.“

„(...) das Konferenzzimmer ist so ein bisschen ein Mediationsraum, wo man sich auch aus der Reserve locken lässt in Gesprächen und öffnet. Ich glaube, das hat uns dieses Jahr sehr viel geholfen, dieses Offensein.“

„(...) es war auch mit schmerzlichen Erfahrungen verbunden. Wir haben gestern festgestellt, dass jeder Einzelne und jede Einzelne auch persönlich sehr gereift ist in der Entwicklungsperiode.“

„(...) es ist auch das Konferenzzimmerteam gereift und bemüht sich auch um einen anderen Umgangston, andere Umgangsformen.“

„(...) es sind Rückmeldungen gekommen, man merkt, dass sich die Schüler und Schülerinnen verändert haben. (...) Ja, es ist leichter z. B. Ordnung zu halten.“

„(...) das Konferenzzimmer ist wirklich jener Ort, wo Kommunikation stattfindet, aber auch sehr viel verschriftlicht wird. Es ist nachweislich da, gewisse Gespräche, vor allem jene, die unbedingt einer Lösung bedürfen, sind ganz einfach nachlesbar und wir haben bemerkt, dass es ganz wichtig war, nachschauen zu können.“

Wie Schüler/innen die LIT-Stunde erleben
 
Im Zuge des Gesprächs entsteht die Idee, nun, am Ende des Schuljahres, Eindrücke der Schüler/innen zur LIT-Stunde einzuholen. Ich schlage meinen Interviewpartnerinnen die Methode „Mein-T-Shirt“ vor. Nach einer abgewandelten Idee von Günther Gugel (vgl. 2004, S. 58) sollen die Schüler/innen den Umriss eines T-Shirts erhalten, in den sie sowohl ein Symbol für die LIT-Stunde zeichnen als auch positive bzw. negative Assoziationen dazu äußern können.

T-Shirt mit Rückmeldung (Grafik: Evelin Leutgöb)

   
Das hier abgebildete T-Shirt wurde von Sabrina gestaltet. Ihre symbolhafte Darstellung der LIT-Stunde ergänzt sie mit dem Satz: LIT-Stunden sind für mich wie „eine Gruppenarbeit, weil dir immer alle zuhören und mit dir Probleme lösen“. Gut findet sie, dass die LIT-Stunde offenbar zu ihrem Wohlbefinden beiträgt. Ihre zweite Aussage bezieht sich auf das Wohlfühlbarometer in der Klasse, das oftmals „durchwachsene“ Stimmung anzeigt.

Symbole, die mehrmals für die LIT-Stunde gezeichnet wurden, waren die Sonne (teils auch mit der einen oder anderen Wolke), lachende Gesichter oder Blumen, häufig wurde auch der Schriftzug „LIT“ verziert.

LIT-Stunden sind für mich (wie) ...

  • „mit einer Freundin zu reden, weil dir alle zuhören.“
  • „lustig, weil wir lustige Dinge machen.“
  • „Spaß, weil wir nichts schreiben müssen.“
  • „Lernen, weil man im Team lernen kann.“

   
Woran die Schüler/innen besonders Gefallen in der LIT-Stunde finden ...

  • „Zeichnen, Malen & Spielen.“
  • „Dass wir öfter etwas Entspannendes machen.“
  • „Man kann mit den Lehrern über Probleme in der Schule sprechen.“
  • „Es macht mir Spaß, Urkunden zu machen.“
  • „Weil man alles sagen kann.“
  • „Weil wir immer etwas dazulernen, was wir noch nicht gemacht haben.“
  • „Das Beisammensitzen.“

   
Negative Äußerungen bzw. Verbesserungsvorschläge gibt es kaum:

  • „Eigentlich passt alles.“
  • „Mir gefällt das Besprechen nicht.“
  • „Mir gefällt nicht, wenn wir in der LIT-Stunde über Streitereien sprechen.“
  • „Ich würde ändern, dass draußen immer 'O.K.' und 'schlecht' hängt.“ (Anmerkung: Diese Aussage bezieht sich auf das Wohlfühlbarometer.)

   
Schüler/innen mit T-Shirts (Foto: HS Bernstein)

   
Resümee
 
Vor einigen Jahren förmlich aus dem Nichts begonnen, hat die pädagogische Arbeit an der HS Bernstein eine rasende Entwicklung genommen. Dorothea Peklar ringt im Interview nur kurz um passende Worte und fasst, was sie und ihr Team in den letzten Jahren erleben durften, wie folgt zusammen: „Es war ein Urknall! – Ja, wirklich, so ist das passiert!“


Literatur
Gugel, G. (2004): Methoden-Manual I: Neues Lernen. Weinheim und Basel: Beltz

[kg]

 
 
Datum der Erstellung: 03.07.2007
Datum der letzten Änderung: 11.12.2007
 
 
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