HS St. Marein bei Graz: In der Vielfalt liegt die Kraft!
 
Mittels umfassender Diagnoseverfahren, die ihren Niederschlag in individuellen Lernsternen für die Schüler/innen finden, bietet die HS St. Marein bei Graz maßgeschneiderte Fördermöglichkeiten. Wochenplanarbeit und themenzentrierter Unterricht bilden weitere tragende Säulen des Schulkonzepts. Auf Basis von Binnendifferenzierung fließen all diese Bemühungen in der Installierung einer Mehrstufenklasse zusammen. Von gleichrangiger Bedeutung wie Diagnoseinstrumente und ausgereifte Organisation ist die Beziehungsebene, was erst der Schulbesuch vor Ort richtig deutlich machen konnte.
 
 
Information
 
Titel des Beitrags:  HS St. Marein bei Graz: In der Vielfalt liegt die Kraft!
Kategorien:  ISV-Innenansichten
Beitragstyp:  Artikel
Fächerübergreifender Beitrag: Ja
Schulstufen:  5, 6, 7, 8
Schlagworte:  Förderunterricht, Individualisierung, Lerntypen, Volksschule (Nahtstelle)
Hauptzielgruppe:  Lehrer/innen
Autoreninformation: 
Karin Grinner
 
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Inhalte
 
Vom ersten Eindruck
 
Ähnlich dem Kennenlernen von Menschen, wo häufig die ersten Eindrücke prägend sind, sind für mich die ersten Momente beim Betreten einer mir unbekannten Schule vergleichbar spannend. Gewiss freut man sich, wenn man von den Gastgeber/innen freundlich empfangen wird, doch in erster Linie ist es die Aura einer Schule, die ich von Anbeginn meines Besuches versuche aufzunehmen. Gestaltungselemente und Dekoration spielen dabei eine Rolle ebenso wie Raumklima und Licht. Wie reagieren Schüler/innen, denen ich zufällig im Schulhaus begegne, auf die zunächst fremde Besucherin? Welche Informationen in Wort und Bild sind die ersten, die ich wahrnehme? Sind es Arbeiten von Schüler/innen, Fotos von Veranstaltungen oder die Hausordnung? Das alles geschieht wie im Zeitraffer während ich mich mit dem Gebäude vertraut mache und versuche, eine erste Orientierung zu finden. Ein belegbares Gesamtbild entsteht erst viel später, Stück für Stück zusammengesetzt wie ein Puzzle, doch der erste Eindruck ist - auch beim Kennenlernen einer Schule - ein prägender.

Bei meiner Ankunft in St. Marein bei Graz treffe ich zeitgleich mit einem dort tätigen Kollegen ein, werde also bereits vor dem Schulhaus in Empfang genommen. Das in großen Lettern über der Innentür angebrachte „Herzlich willkommen“ entgeht mir zunächst – ich entdecke es erst beim Hinausgehen. Angekommen im ersten Stock ist das Erste, was ich bewusst wahrnehme, ein künstlich angelegter Wasserlauf, umgeben von Grünpflanzen.

Wasserlauf (Foto: Karin Grinner)

   
Ein für Besucher/innen angenehmes Bild, das positive Assoziationen weckt und – wie sich für mich später herausstellen wird – große Symbolkraft für die HS St. Marein bei Graz besitzt: Hier ist viel in Bewegung, steht man nicht still. Es ist Vieles im Fluss. Wasser und seine belebende, erfrischende Wirkung etc., all das scheint den Geist dieses Hauses zu prägen.

Unmittelbar neben dieser Wasserstelle nehmen wir Platz: Es ist eine ungewohnt große Runde, die mich empfängt, um gemeinsam über die Arbeit an der Schule zu reflektieren: Schulleiter Admar Gadolla wird unterstützt von Franz Lohr, Eva Theissl, Ingrid Nöst, Ilse Friedl sowie Ingo Zernig. Auch die zuständige Bezirksschulinspektorin Andrea Kahr (Graz Umgebung I) hat ihr Interesse angemeldet und verstärkt die Runde durch ihre Außensicht.

Ingo Zernig, Ilse Friedl, Ingrid Nöst, Eva Theissl, Franz Lohr, Admar Gadolla, Andrea Kahr (von li nach re, Foto: Karin Grinner)

   
Externer Link: HS St. Marein bei Graz
 
Diagnose und individueller Förderplan
 
Aus meiner Recherchearbeit weiß ich, dass man in St. Marein bereits seit den 90er Jahren mit Binnendifferenzierung arbeitet. Weit über die Region hinaus Anerkennung erfährt das hier praktizierte individuelle Förderkonzept. Es ist maßgeblich verbunden mit dem Engagement von Eva Theissl und wurde bereits an anderer Stelle gut dokumentiert und veröffentlicht (vgl. Theissl 2007, S. 83-90).

Die ersten Wochen des Schuljahres werden in St. Marein auf der fünften Schulstufe für Testverfahren genützt. Lese- und Rechtschreibschwächen werden ebenso professionell ausgetestet wie Dyskalkulie. Jeder Schüler und jede Schülerin erhält am Ende dieser Phase eine individuelle Rückmeldung bezüglich des eigenen Lerntyps und eventuell notwendiger Fördermaßnahmen. Basis dafür ist der so genannte Lernstern.

Beispiel für einen Lernstern (visueller Lerntyp)

   
Eine Interpretation des abgebildeten Lernsterns sowie weitere Beispiele finden sich im folgenden Download:


   
Download:   Lernstern und Interpretation  (Info)  

 
Mareiner Zugänge zur Individualisierung
 
So elaboriert und gut durchdacht das Konzept des individuellen Förderplans auch ist, wir verlieren im Gespräch nicht viel Zeit mit inhaltlichen Details. Ich bin überrascht, wie schnell wir uns in einem spannenden Dialog darüber finden, was Individualisierung – Kernthema des ersten Verbundjahres – für die hier anwesenden Kolleg/innen bedeutet. Es offenbart sich mir ein sehr vielfältiges Bild, Begriffsverständnisse, die auf ganz unterschiedliche Prioritäten verweisen. In Kombination, getragen von einem Lehrer/innenteam, welches gut miteinander kooperiert, könnte darin das Geheimnis für die erfolgreich geleistete Arbeit in St. Marein liegen. Hier einige Kernaussagen zu dieser Thematik:

  • „Für mich ist individualisieren, dass möglichst jeder Schüler und jede Schülerin einen eigenen Zugang zu einem Thema bekommt.“ (Admar Gadolla)

  • „Ich versuche, auf der Gefühlsebene das Kind abzuholen, dort wo es steht. Auf Grund dieser Erfahrung ‚Wie geht’s dem Kind?’ möchte ich den Zugang zum Stoff erleichtern. Wenn ich das Kind auf der Gefühlsebene kennen lerne, dann weiß ich, womit ich es optimal beschäftigen kann. Viele Gespräche ermöglichen das: In der Pause, wo man in der Klasse bleibt, im Hof, in der Freizeit, auf der Kennenlernwoche usw., da passiert sehr viel. Dann kann man, glaub ich, sehr individuell die Unterrichtsarbeit beginnen.“ (Franz Lohr)

  • „Also ich sehe das eher auf der inhaltlichen Ebene. Ich nehme das Kind nur dorthin mit, wohin es gehen kann. Ich mach mit dem Kind das, was machbar ist. Wichtig sind für mich die Grundfertigkeiten. Dass er eine Schlussrechnung kann, dass er eine einfache Prozentrechnung kann. Und dort bleib ich und wenn ich das bis zur Vierten mache. Mir geht es um persönliche Stärken und Schwächen, um Fordern und Fördern.“ (Ingo Zernig)

  • „Für mich ist Individualisierung, jedes einzelne Kind in der Klasse wahrzunehmen und nicht eine gesamte Masse vor mir zu sehen. Es ist sowohl auf der persönlichen als auch auf der fachlichen Ebene wichtig zu merken, welche Stärken hat jedes einzelne Kind. Ich setze immer an den Stärken an, hebe die Stärken hervor, damit das Kind sich gesehen fühlt. Ich weiß von jedem Kind, welches Haustier im Haus wohnt und wann das Haustier krank ist. So kann ich auch immer wieder an den Vorlieben anknüpfen: In der Mehrstufenklasse ist ein Reptilienexperte und da wird man natürlich in Mathematik Rechnungen mit Reptilien starten, damit er sich angesprochen fühlt.“ (Eva Theissl)

  • „Ich sehe Individualisierung so, dass ich sage, das Kind kriegt auf seiner Leistungsfähigkeit den Stoff so aufbereitet, dass es positive Lernerfolge haben kann. Es bekommt, ganz egal, wo die anderen in der Klasse sich befinden, die positive Rückmeldung ‚Ich habe etwas dazugelernt’ und ‚Ich hab etwas geschafft’. Ich denke, wenn sie diese positive Rückmeldung bekommen, sind sie auch innerlich wieder bereit, den nächsten Schritt zu gehen.“ (BSI Andrea Kahr)

  • „Mir ist wichtig, dass wirklich jedes Kind – auch das Integrationskind - sich wahrgenommen fühlt. Ich bin auch vom Ort, ich kenne die Eltern. Wenn man da hineinschauen kann, wie geht es den Kindern zu Hause, fällt es leichter, dass man wirklich jedes Kind einzeln wahrnimmt, und einfach dort abholt, wo es steht.“ (Ingrid Nöst)

   
Mit Kindern ins Gespräch kommen
 
Aus eigener Erfahrung kenne und sehe ich die Vorteile, die es mit sich bringt, als Lehrer/in selbst vom Ort zu sein, die Eltern der Schüler/innen zu kennen etc. Nicht jede/r aber hat diese Möglichkeit. Ganz spontan stellt sich mir die Frage: „Habe ich auch eine Chance, wenn ich mitten in der Großstadt unterrichte, die Eltern nicht kenne, diese möglicherweise gar nicht kommen? Oder bin ich dann meiner Chancen auf Individualisierung beraubt?“ Natürlich ist die Frage verkürzend, doch sie wird mit einer gleichermaßen einfachen wie weitreichenden Antwort belohnt: „Da ist es genauso. Ich muss einfach mit dem Kind reden.“ (Ingrid Nöst)

So einfach das klingt, liegt darin wohl eine große Aufgabe und Kunst. Reden wir nicht ständig mit den Kindern? Reden wir mit ihnen oder auf sie ein? Genau dieses entscheidenden Unterschiedes scheint man es sich in St. Marein bewusst zu sein. Martine F. Delfos (vgl. 2004, S. 67) zitiert in ihrem Buch „’Sag mir mal’ – Gesprächsführung mit Kindern“ eine Studie, der zufolge nur 20 % der Kontakte zwischen Lehrkraft und Kind wirkliche Gespräche sind. Der Großteil der Kontakte betrifft rein schulische Inhalte, dreht sich nur um Schulroutine: Hausübungen, Stundenpläne, Fehlverhalten etc. Ich kann den statistischen Gegenbeweis nicht antreten, aber ich vermute, in St. Marein liegt ein deutlich anderes Zahlenverhältnis vor.

Individualisierung in der Balance
 
Für mich war bereits im Vorfeld klar, dass Fördern und Fordern in St. Marein eine große Rolle spielen, nicht zufällig hat man sich innerhalb des Verbundes der Themengruppe „Individuelles Fördern“ zugeordnet und ist dort erfolgreich in der Geberrolle aufgetreten. In Erstaunen versetzt und begeistert hat mich, in welch selbstverständlicher Weise in dieser Runde auch der Beziehungsaspekt thematisiert wird. Man bekennt sich hier ganz deutlich zur Wichtigkeit von Beziehungsarbeit. Mit der Überzeugungskraft derer, die es wohl oftmals erfahren haben, kann man dem konkurrierenden Stoffdruck gelassen begegnen: „Die Zeit, die wir in diese persönliche Beziehungsarbeit investieren, die kriegen wir zigfach zurück. Wenn ich hochrechne, wie viel Zeit Lehrer/innen für disziplinierende Maßnahmen verwenden, da kann ich mir vom Stoff her locker drei, vier Wochen Beziehungsarbeit leisten. Wenn diese Basis passt, dann geht auch die stoffliche Ebene zügiger, leichter, nachhaltiger voran. Und so ermutige ich meine Lehrer/innen und Direktor/innen immer dazu, sich im Beziehungsaufbau Zeit zu lassen.“ (BSI Andrea Kahr)

Mit diesem nun um wesentliche Aspekte der Individualisierung erweiterten Bild gewinnen die vorliegenden Konzepte der Schule noch um ein Vielfaches an Strahlkraft.

Schullogo HS St. Marein bei Graz

   
Anfängliche Bedenken, Schüler/innen könnten auf ihren Lerntyp, ihre leistungsbezogenen Stärken und Schwächen hin reduziert werden, sind zerstreut.

Individualisierung ist in St. Marein in einer außergewöhnlichen Balance anzutreffen: Testverfahren, ausgefeilte organisatorische Modelle, wie sie für die hier gestaltete Wochenplanarbeit und den themenzentrierten Unterricht erforderlich sind, führen gemeinsam mit der hohen Priorität für die Beziehungsebene zu einem harmonischen Ganzen.

Übung an den Kennenlerntagen (Foto: Schulwebsite)

   
Schüler/innen werden weder auf ihre Leistungsfähigkeit reduziert, noch kann man den Vorwurf erheben, hier würde Kuschelpädagogik praktiziert. Tatsächlich findet sich in vielen organisatorischen Maßnahmen der Schule eine Verzahnung der beiden Ansätze, nämlich Leistung individuell zu fördern und dabei gleichzeitig die Schüler/innen in ihrer gesamten Persönlichkeit wahrzunehmen. Nicht nur Lernbedürfnisse der Einzelnen aufspüren und darauf eingehen, sondern auch das weite Feld dessen einzubeziehen, was das Individuum sonst noch ausmacht: Darin sehe ich die hohe Kunst der Individualisierung.

   
Elemente gelebter Individualisierung
 
Im Folgenden einige Beispiele, die diese angesprochene Verzahnung illustrieren sollen. Dabei fällt auf, dass die Schüler/innen vielfach auch in ihrer persönlichen Verantwortung angesprochen werden.

Schuleingangsphase: Während auf allen Schulstufen die erste Schulwoche für das Projekt „Lernen lernen“ genützt wird, liegt auf der fünften Schulstufe ein zusätzlicher Schwerpunkt auf den bereits erwähnten Testverfahren. Weiters gibt es an einem der ersten Wochenenden des Schuljahrs für die Neuzugänge Kennenlerntage: „Die Kennenlerntage gibt es zu Schulbeginn. Da fahren wir mit den neuen der ersten Klassen zwei drei Tage wohin, meist nach Salzstiegl. Dort finden im möglichst familiären Rahmen dann Begegnungen statt.“ (Franz Lohr)

Rollerfahrt an den Kennenlerntagen (Foto: Schulwebsite)

   
Lehrerin und Schülerin an den Kennenlerntagen  (Foto: Schulwebsite)

   
Schülerin an der Kletterwand  (Foto: Schulwebsite)

   
Pausengestaltung: Es läutet in der Früh zur ersten Stunde, dann erst wieder zur großen Pause um 10.45 Uhr. Diese wird als Buffetpause mit der Dauer von 30 Minuten gestaltet. Lehrer/innen, Schüler/innen und Eltern sorgen gemeinsam für das leibliche Wohl. Ansonsten ist üblich, dass Schüler/innen ihre Pausenzeiten flexibel gestalten können: „Unser Ziel ist es, dass Unterrichtszeit und Pausenzeit verschmelzen. Die Kinder kommen in der Früh in die Schule, so, wie jemand, der zur Arbeit geht – der hat auch seine Erholungsphasen dazwischen.“ (Admar Gadolla)

Wochenplanarbeit: Dieser findet täglich für die gesamte Schule zur gleichen Zeit statt. Ziel ist es, in dieser Phase jene Aufgaben zu bewältigen, die andernorts als Hausübung vergeben werden. Der Grundgedanke dabei ist, dass das schulische Lernen der Schule zugeordnet bleibt und Erziehungsaufgaben und Freizeit verstärkt vom Elternhaus wahrgenommen werden können.

Schüler/innen nützen diese Zeit für intensives Arbeiten. Eigenantrieb fertig zu werden, spielt dabei eine nicht untergeordnete Rolle. Für manche Eltern, so wird mir berichtet, ist es zunächst ungewohnt, hier Verantwortung abzugeben. Ich sehe diese Rückmeldung als deutliches Signal, dass die Verantwortung für das Lernen einen deutlichen Schritt zu den Kindern hin wandert.

Während der Wochenplanarbeit ist der Unterricht klassenübergreifend geöffnet, Schüler/innen können nach Bedarf Hilfe einholen bzw. eigenständig an ihren Aufgaben arbeiten. Für jede Klasse stehen ein/e Lehrer/in eines Hauptgegenstandes sowie ein/e Förderlehrer/in zur Verfügung, zusätzlich noch ein/e Integrationslehrer/in.

   
Download:   Beispiel für einen Wochenplan  (Info)  

 
Gestaltung der Nahtstelle: Wie auch andernorts üblich, hat es an der HS St. Marein Tradition, Zubringervolksschulen zu besuchen und dort die eigene Schule vorzustellen. Längst geht dies aber über den reinen Werbezweck hinaus. Die HS St. Marein hat es sich zum Ziel gesetzt, in regelmäßigen Kontakten zwischen Volks- und Hauptschule sowohl erste Begegnungen mit den künftigen Schüler/innen aufzubauen, als auch einen Abgleich zwischen den Lehrer/innen beider Schultypen zu ermöglichen. Zu klären gilt es dabei, welchen Umgang mit Wochenplänen Schüler/innen bislang gewohnt waren, wie bei der Vorbereitung und Beurteilung von Schularbeiten vorgegangen wird etc.

Zwischen Allerheiligen und Ostern gibt es nach einem mit dem Bezirksschulrat vereinbarten Umrechnungsschlüssel für Hauptschullehrer/innen die Möglichkeit, an die Volksschulen zu gehen, um dort im Team Unterricht zu gestalten. Es wird gemeinsam im naturwissenschaftlichen Bereich experimentiert, Englisch gelernt oder schlichtweg gemeinsam gefördert. Was von offizieller Seite als „Kompetenztransfer zwischen Volks- und Hauptschullehrer/innen“ (BSI Andrea Kahr) deklariert wird, erleben Lehrer/innen und Schüler/innen zusätzlich als stressmindernd und beziehungsfördernd. „Das war schon sehr positiv, erstens haben mich die Kinder am Tag der offenen Tür schon gekannt, das heißt, sie sind mich sozusagen besuchen gekommen. Weiters hat es viel Angst genommen und es ist dann eine ganz andere Verbindung da gewesen.“ (Eva Theissl)

Vielfalt als Chance: MareinerMehrstufenModell
 
In der Vielfalt der uns anvertrauten Schüler/innen eine Chance zu sehen, scheint auf theoretischer Ebene ein abgesicherter Zugang zum Thema Individualisierung zu sein. In der Praxis gehört allerdings eine gehörige Portion Mut dazu, sich nicht nur um dieses Verständnis zu bemühen, nicht nur die sich ohnehin zwangsweise bietende Vielfalt positiv anzunehmen, sondern diese Vielfalt explizit zu suchen, oder anders ausgedrückt: sie proaktiv herbeizuführen.

Schülerin als Teil eines Mosaiks (Foto: Karin Grinner)

   
Dass die HS St. Marein einen außergewöhnlichen Zugang zum Thema Individualisierung pflegt, wurde mir bereits während meiner Recherchearbeiten klar. In einer Analyse jener Bedingungen, mit denen beim Team der Schule Unzufriedenheit herrscht, las ich: „Zu wenig Heterogenität.“ Zugegeben, im ersten Moment dachte ich an einen Irrtum, doch spätestens während unseres Gespräches wurde mir der tiefere Sinn dieser Aussage klar. Ganz plakativ bekomme ich zunächst verdeutlicht, worin die Schule den Vorteil von mehr leistungs- wie auch altersmäßiger Heterogenität sieht: „Ich muss in Österreich 13 Jahre alt sein, um den Pythagoräischen Lehrsatz vorgesetzt zu bekommen. Das kann es nicht sein.“ (Admar Gadolla)

Kinder sind nicht in allen Gegenständen gleich gut. Der gute Mathematiker etwa kann in der nächsthöheren Stufe mitrechnen und hat dort Erfolgserlebnisse. „In gemischten Gruppen können Schüler/innen dort andocken, wo es für sie passt, leistungsmäßig wie im Sozialen.“ (BSI Andrea Kahr)

In logischer Konsequenz hat die HS. St. Marein im vergangenen Jahr eine Mehrstufenklasse ins Leben gerufen. Inspiriert vom reformpädagogischen Konzept des Jenaplans werden künftig die fünfte und die sechste Schulstufe gemeinsam unterrichtet, in Folge dann die siebte und die achte. Mit Klassenvorstand Franz Lohr hat diese Mehrstufenklasse mit Beginn des Schuljahres 2007/08 nun erstmals zwei Schulstufen in einer Klasse vereint. Durch Alters- und Bildungsunterschiede soll ein fruchtbares Bildungsgefälle nutzbar gemacht werden (vgl. Petersen 2001).

   
Externer Link: Jenaplan Pädagogik
 
Mit großer Spannung wurde in St. Marein dem ersten Schultag des Schuljahres 2007/08 entgegengesehen, sollte die so genannte Mehrstufenklasse doch nun endlich wirklich zur „Familienklasse“ werden. Seine ersten Eindrücke und Erfahrungen nach knapp zwei Schulwochen schildert Klassenvorstand Franz Lohr in folgendem Download:

Download:   Erfahrungsbericht  (Info)  

 
Blick in die Mehrstufenklasse (Foto: Franz Lohr)

   
Erste Begegnungen (Foto: Franz Lohr)

   
Motto der Mehrstufenklasse: Miteinander und voneinander lernen! (Foto: Franz Lohr)

   
Vom Umgang mit Leistung
 
Gut in das gewonnene Bild passt für mich auch der Umgang mit dem Leistungsbegriff, wie er an der HS St. Marein gepflegt wird: „Wichtig ist nicht das absolute Wissen und Können, sondern der individuelle Lernfortschritt. Ich glaube, das ist ein wesentlicher Punkt, der bei uns auch in der Benotung einen echten Rückhalt findet. Es ist nicht wichtig, dass er bei der Schularbeit immer einen Dreier schreibt, sondern dass er jetzt von Mai bis Juni super durchgestartet ist. - Leistung messen und nicht Leistung vergleichen, das ist unsere Maxime.“ (Ingo Zernig)

Ich fühle mich bei dieser Äußerung sofort an Dr. Rupert Vierlinger erinnert, der bereits in den 70er Jahren für direkte Leistungsvorlagen plädiert hat und nach wie vor seine Stimme für eine gemeinsame Schule der Vielfalt erhebt. Nicht die Distanz zum Anderen messen, sondern den kleinsten Fortschritt der Lernenden wahrnehmen, sollte unsere Devise sein (vgl. Vierlinger 1999, S. 80 ff). Erst das Ziel, sich selbst zu übertreffen, nicht Freund/innen oder Klassenkamerad/innen, verleiht dem Lernen Flügel!

An der HS St. Marein kommt man diesem Anspruch durch das Führen von so genannten Themenmappen nach. Diese werden von den Lehrer/innen mit reflektierenden Kommentaren versehen. Auch die Wochenpläne ermöglichen derartige Rückmeldungen und bieten so den Eltern die Möglichkeit, stets über den Lernfortschritt informiert zu sein.

Künftig will man in St. Marein mehr Wert auf die Reflexion des Lernweges durch die Schüler/innen legen. Nicht nur das Lernprodukt soll betrachtet werden, sondern es soll hinterfragt werden, auf welche Art und Weise es entstanden ist, welche Stolpersteine es zu überwinden galt etc. Erste positive Erfahrungen konnten damit bereits gesammelt werden: „Ich hab in Jena die Reflexionsmappen gesehen, in die die Kinder nach jeder Epoche ihre Beobachtungen eintragen. Auf der zweiten Seite schreiben dann die Lehrer/innen ihre Rückmeldungen dazu. Zum Schluss ist das dann so konkret, dass die Kinder sagen: ‚Ich bin deshalb nicht fertig geworden, weil ich mit meiner Freundin zu viel geschwätzt habe.’ Und dann kommt die Bestätigung von der Lehrerin: ‚Du hast Recht, aber das nächste Mal bin ich mir sicher, wirst du das schaffen. Oder: ‚Ich schlage vor, das nächste Mal arbeitest du mit jemand Anderem zusammen.’ Ich hab das mit meiner Klasse probiert und es sind tolle Reflexionen gekommen. Beim Schreiben macht es einen Klick bei dem Kind und es erkennt, wo die Schwierigkeiten liegen. Ich brauche als Lehrerin nicht darauf aufmerksam zu machen, sondern es kommt vom Kind.“ (Eva Theissl)

Eine Schule im Fluss
 
An dieser Stelle soll sich der Kreis schließen zum Anfang dieses Porträts. Das Bild des Wassers, des Fließens soll noch einmal aufgenommen werden: Dieses Team steckt voller Pläne, sprudelt förmlich über vor Ideen: Neben den eben angesprochenen Reflexionen zum Lernweg möchte man - inspiriert von anderen Verbundschulen - dahin kommen, verstärkt Kompetenzen aus dem sozialen Bereich ausweisen zu können. All diese Vorhaben möchte man künftig von professioneller Seite begleitet und evaluiert wissen. Mit der Bitte, dieses Ansinnen zu unterstützen, tritt man im zweiten Jahr des Mitwirkens an den Verbund heran.

In St. Marein bei Graz, so mein Eindruck, erntet man die Früchte gelebter Individualisierung, die als solche lerntheoretische und sozialpädagogische Zugänge in harmonischen Einklang bringt.

Blick in den Schulgarten: Erntezeit! (Foto: Karin Grinner)

   
Dabei - und das ist das Erfrischende daran - beruft man sich nicht auf bereits Erreichtes. Viel mehr ist man bemüht, wie Ingo Zernig es ausdrückt, aus der „gesicherten Position dessen, was bereits gut läuft“, die nächsten bewegenden Schritte zu setzen.


Literatur:
Delfos, M. F. (2004). „Sag mir mal ...“ Gesprächsführung mit Kindern. Weinheim und Basel: Beltz Verlag.

Petersen, P. (2001). Der kleine Jena-Plan. Weinheim und Basel: Beltz Verlag.

Theissl, E. (2007). Diagnosemethoden zur Erstellung eines individuellen Förderplans. In: Erziehung & Unterricht 157, (1-2), 83-90.

Vierlinger, R. (1999). Leistung spricht für sich selbst. „Direkte Leistungsvorlage“ (Portfolios) statt Ziffernzensuren und Notenfetischismus. Heinsberg: Dieck-Verlag.

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Datum der Erstellung: 17.09.2007
Datum der letzten Änderung: 16.01.2008
 
 
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