Ballade "Die Brück' am Tay"
 
  Aufbereitung der Ballade „Die Brück’ am Tay“: Fragen zum Inhalt, Diskussion über die Sicherheit von Bauwerken, Vergleich der Ballade mit Zeitungsberichten aus dem Jahr 1880, dem Jahr der Katastrophe.
 
 
 
  Information
 
 
Titel des Beitrags:  Ballade "Die Brück' am Tay"
Beitragstyp:  Unterrichtsbeispiel
Fächerübergreifender Beitrag: Nein
Unterrichtsgegenstände:  Deutsch
Schulstufen:  8
Schlagworte:  Kreativität, Sprachkompetenz, Werte
Hauptzielgruppe:  Lehrer/innen
Zeitaufwand:  2 UE
Schwierigkeitsgrad:  leicht
Autoreninformation: 
Annemarie Hagenhofer
 
 
 
  Feinziele
 
 
Die Schüler/innen sollen
 
  • den Inhalt der Ballade „Die Brück’ am Tay“ erfassen
  • den Bezug zur Realität finden
  • die Absicht des Dichters erkennen
  • den sprachlichen Unterschied zwischen Zeitungsbericht und literarischem Text erkennen

 
 
 
  Inhalte
 
 
1. Stunde
 
Ich lese den Schüler/innen die Ballade "Die Brück’ am Tay" von Theodor Fontane vor.

Die Brück' am Tay

„Wann treffen wir drei wieder zusamm’?“
„Um die siebente Stund’, am Brückendamm.“
„Am Mittelpfeiler.“
„Ich lösch die Flamm’.“
„Ich mit.“
„Ich komme vom Norden her.“
„Und ich vom Süden.“
„Und ich vom Meer.“

„Hei, das gibt einen Ringelreihn
und die Brücke muss in den Grund hinein.“
„Und der Zug, der in die Brücke tritt
um die siebente Stund’?“
“Ei, der muss mit.“
“Muss mit.“
“Tand, Tand
ist das Gebilde von Menschenhand!“

Auf der Norderseite, das Brückenhaus –
alle Fenster sehen nach Süden aus,
und die Brücknersleut’, ohne Rast und Ruh
und in Bangen sehen nach Süden zu,
sehen und warten, ob nicht ein Licht
übers Wasser hin „Ich komme“ spricht.
„Ich komme, trotz Nacht und Sturmesflug,
ich, der Edinburger Zug.“

Und der Brückner jetzt: „Ich seh’ einen Schein
am andern Ufer. Das muss er sein.
Nun, Mutter, weg mit dem bangen Traum,
unser Johnie kommt und will seinen Baum
und was noch am Baume von Lichtern ist,
zünd alles an wie zum heiligen Christ,
der will heuer zweimal mit uns sein –
und in elf Minuten ist er herein.“

Und es war der Zug. Am Süderturm
keucht er vorbei jetzt gegen den Sturm,
und Johnie spricht: „Die Brücke noch!
Aber was tut es, wir zwingen es doch.
Ein fester Kessel, ein doppelter Dampf,
die bleiben Sieger in solchem Kampf.
Und wie’s auch rast und ringt und rennt,
wir kriegen es unter das Element.

Und unser Stolz ist unsre Brück’.
Ich lache, denk’ ich an früher zurück,
an all den Jammer und all die Not
mit dem elend alten Schifferboot;
wie manche liebe Christfestnacht
hab’ ich im Fährhaus zugebracht
und sah unsrer Fenster lichten Schein
und zählte und konnte nicht drüben sein.“

Auf der Norderseite das Brücknerhaus –
alle Fenster sehen nach Süden aus
und die Brücknersleut’ ohne Rast und Ruh
und in Bangen sehen nach Süden zu;
denn wütender wurde der Winde Spiel
und jetzt, als ob Feuer vom Himmel fiel,
erglüht es in niederschießender Pracht
überm Wasser unten … Und wieder ist Nacht.

„Wann treffen wir drei wieder zusamm’?“
„Um Mitternacht, am Bergeskamm.“
„Auf dem hohen Moor, am Erlenstamm.“
„Ich komme.“
„Ich mit.“
„Ich nenn’ euch die Zahl.“
„Und ich die Namen.“
„Und ich die Qual.“
„Hei! Wie Splitter brach das Gebälk entzwei.“
„Tand, Tand
ist das Gebilde von Menschenhand!“


Dann stelle ich die Frage, um welche literarische Textgattung es sich handelt. Meine Schüler/innen kennen Balladen. Wir haben in der 2. Klasse den „Zauberlehrling“ und in der 3. Klasse den „Erlkönig“ von Johann Wolfgang von Goethe besprochen und auswendig gelernt. Die Schüler/innen sollen sich wieder an die Ballade erinnern.

Eine Ballade ist ein erzählendes Gedicht in gereimten Versen.
Die Schüler/innen erhalten nun den Text der Ballade und gemeinsam lesen wir sie noch einmal. Anschließend klären wir in einem Gespräch die Unklarheiten.

Gemeinsam versuchen wir auf folgende Fragen Antworten zu finden:

  • Wer sind „die drei“?
    Ich erkläre den Schüler/innen: „When shall we three meet again?“ ist ein Satz aus „Macbeth“ von W. Shakespeare. Dem Feldherrn Macbeth wird durch drei Hexen sein Schicksal vorhergesagt. Fontane wählt nun die drei Hexen ebenfalls als Sinnbild für das Schicksal. Sie verkörpern Naturgewalten – Winde, Stürme.

  • Woher kommen die drei Stürme und was haben sie vor?
    Diese Frage konnten die Schüler/innen selber beantworten. Die Stürme kommen aus den verschiedenen Himmelsrichtungen und sie wollen eine Brücke, auf der sich gerade ein Zug befindet, zerstören. Sogar der Zeitpunkt wird genau festgelegt.

  • Was ist Tand?
    Die Schüler/innen kennen diesen Ausdruck nicht. Ich erkläre ihnen: Tand ist eine wertlose Sache, Ramsch, Gerümpel, in der Mundart sagt man auch Glumpert.

  • Ist ein so großartig konstruiertes Bauwerk wie eine Brücke Glumpert?
    An dieser Stelle entstand eine sehr interessante Diskussion. Wir sprachen über die Sicherheit von Hochhäusern, Brücken, Staudämmen, Atomkraftwerken usw. Das Ergebnis der Diskussion war, dass Menschen gegen Naturgewalten chancenlos sind, dass auch die besten Berechnungen, Konstruktionen und die besten und teuersten Materialien einer Naturkatastrophe nicht standhalten können.
    Die Schüler/innen erkannten auch, dass Bauwerke selbst vor Menschen nicht sicher sind. Sie brachten den Anschlag vom 11. September in die Diskussion ein.
    Menschen können „nur“ alles Menschenmögliche für die Sicherheit eines Bauwerkes tun. Gegen Naturgewalten hat der Mensch keine Chance.


Die Schüler/innen sollen sich jetzt mit dem Inhalt der Ballade auseinander setzen, dazu teile ich das Arbeitsblatt aus (siehe Download).

Die Schüler/innen beantworten die Fragen in Einzelarbeit, anschließend besprechen wir gemeinsam die Ergebnisse.

Download: Arbeitsblatt

 
2. Stunde

Ich erzähle den Schüler/innen, dass Fontane die Handlung der Ballade nicht erfunden hat. Am 29. Dezember 1879 hat sich diese Katastrophe in Schottland ereignet. Fontane hat für seine Ballade zwei Zeitungsberichte als Grundlage verwendet.

Ich teile den Schüler/innen die beiden Zeitungsberichte aus und erteile folgende Arbeitsaufträge:

  • Lies beide Zeitungsartikel aufmerksam durch!
  • Stell fest, wodurch sich die beiden Artikel unterscheiden!
  • Was haben beide Artikel gemeinsam?

Berichte aus der „Zürcher Freitagszeitung“ vom 2. 1. und vom 9. 1. 1880
 
Während eines furchtbaren Windsturmes brach am 29. Dezember 1879 nachts die große Eisenbahnbrücke über den Taystrom in Schottland zusammen, im Moment, als der Zug darüber fuhr.
Neunzig Personen, nach anderen Berichten dreihundert, kamen dabei ums Leben. Der verunglückte Zug hatte sieben Wagen, die fast alle besetzt waren und er stürzte über hundert Fuß tief ins Wasser hinunter. Alle dreizehn Brückenspannungen sind samt den Säulen, worauf sie standen, verschwunden. Die Öffnung der Brücke ist eine halbe englische Meile lang. Der Bau der Brücke hat seinerzeit 250.000 Pfund Sterling gekostet und sie wurde im Frühjahr 1878 auf ihre Festigkeit hin geprüft. Bis jetzt waren alle Versuche zur Auffindung der Leichen vergeblich.


Die Brücke von Dundee in Schottland über die Mündung des Tay war eines der gewagtesten und großartigsten Projekte. Für senkrechten Druck vollständig richtig berechnet, zog sie sich, in ihrer Länge fast wie ein Drahtseil anzusehen, in schwindelnder Höhe über den Wasserspiegel. In der Silvesternacht herrschte ein so furchtbarer Sturm, dass die Anwohner es für eine Vermessenheit hielten, wenn der Edinburger Zug die Brücke überqueren würde. Er wagte es; aber nach kurzer Zeit sah man einen Kometenschweif ins Meer versinken. Die Brücke war gebrochen und der ganze Zug verschwand spurlos in der Tiefe; auch nicht eine Seele erreichte das jenseitige Ufer. Selbst später fand man in den Wagentrümmern nur noch eine Leiche, alle anderen waren ins Meer gespült worden. Offenbar hat der Seitendruck, welchen der Orkan ausübte, die Brüche gebrochen und den Zug ins Wasser geworfen.


Nach zirka 15 Minuten besprechen wir gemeinsam die Ergebnisse.
Folgende Unterschiede haben die Schüler/innen herausgefunden:

Der erste Bericht enthält genaue Angaben über Unglückszeit, Ort, Zahl der verunglückten Personen, die Länge des Zuges und wie tief er gestürzt ist. Der Bericht ist sachlich, emotionslos und es werden nüchterne Zahlen die Baukosten betreffend genannt.

Der zweite Bericht, so behaupten die Schüler/innen, gleicht eher einer Reportage.
(Wir haben in der 4. Klasse gleich zu Schulbeginn im Rahmen eines Zeitungsprojektes den Unterschied zwischen Bericht und Reportage erarbeitet.)
Er enthält subjektive Attribute, z. B. „eines der gewagtesten und großartigsten Projekte“, „in schwindelnder Höhe“ … Er enthält persönliche Meinungen, z. B. „dass die Anwohner es für eine Vermessenheit hielten“, „er wagt es“. Der Schreiber verwendet Metaphern, z. B. „nicht eine Seele erreichte das jenseitige Ufer“, „sah man einen Kometenschweif ins Meer versinken“. Hier stellen die Schüler/innen auch einen Bezug zu Fontanes Ballade her. Er beschreibt das Unglück auf ähnliche Weise: „und jetzt, als ob Feuer vom Himmel fiel, erglüht es in niederschießender Pracht“.
Ich mache die Schüler/innen darauf aufmerksam, wie mit diesem eigentlich schönen Bild etwas sehr Schreckliches beschrieben wird.
Beide Berichte machen den Sturm für das Unglück verantwortlich. Die Schüler/innen erkennen, dass nicht menschliches Versagen die Ursache des Unglücks war. Im Gegenteil, die Menschen haben alles in ihrer Möglichkeit Stehende für die Sicherheit der Brücke getan. Sie haben keine Kosten und Mühen gescheut. Ein Jahr vor dem Unglück wurde die Brücke sogar auf ihre Festigkeit hin überprüft. Die Natur hat wieder einmal den Menschen besiegt.


Jetzt vergleichen wir gemeinsam die Berichte mit der Ballade.

Was ist in der Ballade anders als in den Berichten?
Die Schüler/innen finden rasch folgende Unterschiede:
Fontane erzählt von ganz bestimmten Personen, die das Unglück miterlebt haben und die schwer getroffen wurden. Er gibt den anonymen Toten einen Namen und bringt den Leser/innen so das schreckliche Geschehen sehr nahe. Die Schüler/innen glauben, dass er damit mehr Betroffenheit erreichen will. Außerdem zeigt er den Menschen, wie vergänglich ihre Werke sind, in welch kurzer Zeit Naturgewalten ein sicheres und für die Ewigkeit bestimmtes Bauwerk völlig zerstören können.

Die Ballade ist in gereimten Versen geschrieben und sie enthält viele Wörter mit Apostroph.
Nora sagt: „Die Sprache ist so wie bei einem Gedicht. Die Satzstellung ist anders. Die Personalform steht nicht an der zweiten Stelle. Aber das ist die dichterische Freiheit, sonst gäbe es keinen Reim.“
Gemeinsam suchen wir für diese Aussage Beweise. Wir verschieben in einigen Sätzen die Personalform an die zweite Stelle. Die Schüler/innen erkennen, dass sich der Text dann sehr verändert und er kein Gedicht mehr ist.
Beispiel: Auf der Nordseite steht das Brücknerhaus. Alle Fenster sehen nach Süden. Die Brücknersleute sind ohne Rast und Ruh. Sie sehen nach Süden und warten auf ein Licht.
Nora findet: „Der Reim ist verloren gegangen und die Sätze sind fad und ohne jede Spannung.“


Wir versuchen nun gemeinsam Gründe zu finden, warum Theodor Fontane dieses Ereignis zum Thema einer Ballade gemacht hat.

Gründe, die die Schüler/innen genannt haben:
Nora: „Vielleicht wollte er dieses Ereignis durch das Schreiben für sich selbst verarbeiten. Wenn ich Kummer habe, dann schreibe ich auch alles auf. Dann geht es mir besser.“
Sarah: „Fontane wollte den Menschen zeigen, wie wertlos und gefährlich ihre Werke sind.“
Andrea: „Weil ihn das Unglück so beschäftigt hat. Vielleicht hat er jemanden gekannt, der im Zug war.“
Florian: „Vielleicht wollte er schon früher nicht, dass diese Brücke gebaut wird, weil sie ihm zu gefährlich erschien. Wir wollen auch die Atomkraftwerke nicht und protestieren dagegen.“
Ich ergänze: „Vielleicht wollte er, dass das Unglück nie vergessen wird. Er setzte mit der Ballade ein literarisches Denkmal.“

 
 
 
  Lehrplanbezug
 
 
Quelle: Lehrpläne der einzelnen Unterrichtsgegenstände » 5. bis 8. Schulstufe » A. Pflichtgegenstände » Deutsch » Bildungs- und Lehraufgabe: » Beitrag zu den Aufgabenbereichen der Schule:

Den Schülerinnen und Schülern sollen im Deutschunterricht Werte und Lebenshaltungen mit Hilfe von Texten vermittelt werden. [...]

Quelle: Lehrpläne der einzelnen Unterrichtsgegenstände » 5. bis 8. Schulstufe » A. Pflichtgegenstände » Deutsch » Didaktische Grundsätze (Deutsch)

[...] Durch regelmäßige, methodisch abwechslungsreiche Beschäftigung mit Texten verschiedener Art sollen die Schülerinnen und Schüler zu gründlichem Textverständnis und zu positiver Einstellung zum Lesen gelangen.

Quelle: Lehrpläne der einzelnen Unterrichtsgegenstände » 5. bis 8. Schulstufe » A. Pflichtgegenstände » Deutsch » Lehrstoff (Deutsch) » Kernbereich (Deutsch) » 4. Klasse » Sprache als Grundlage von Beziehungen

Interessen wahrnehmen: Verschiedene, auch versteckte Absichten erkennen und zuordnen; entsprechend reagieren. [...]

Quelle: Lehrpläne der einzelnen Unterrichtsgegenstände » 5. bis 8. Schulstufe » A. Pflichtgegenstände » Deutsch » Lehrstoff (Deutsch) » Kernbereich (Deutsch) » 4. Klasse » Sprache als Gestaltungsmittel

Literarische Textformen und Ausdrucksmittel kennen lernen: Literarische Texte mit höherem Anspruchsniveau im Hinblick auf Thema, Form und Umfang erleben und verstehen, [...]. Grundlegende Einblicke in Entstehungs- und Wirkungszusammenhänge von Texten gewinnen. Gestaltungsmittel erkennen und als Anregung für eigene Texte nützen.

Quelle: Lehrpläne der einzelnen Unterrichtsgegenstände » 5. bis 8. Schulstufe » A. Pflichtgegenstände » Deutsch » Bildungs- und Lehraufgabe: » Beiträge zu den Bildungsbereichen

Kreativität und Gestaltung:

Die Schülerinnen und Schüler sollen Gestaltungserfahrungen mit Sprache machen und sinnliche Zugänge mit kognitiven Erkenntniswegen verbinden.



 
 
 
  Kommentar
 
 
Ich wollte den Schüler/innen die literarische Gattung Ballade wieder in Erinnerung rufen.
Es war erfreulich, wie viel sie noch wussten. Sie wussten, dass eine Ballade ein erzählendes Gedicht ist, und alle gemeinsam konnten den „Zauberlehrling“ und den „Erlkönig“ noch aufsagen.

Ich wollte den Schüler/innen zeigen, dass alte Literatur nicht veraltet und verstaubt ist, sondern durchaus Themen behandelt, die auch in der heutigen Zeit noch aktuell sind. Das, glaube ich, ist sehr gut gelungen.

Mit der Diskussion über den Wert von Menschenhand gemachter Werke wollte ich den Schüler/innen die Vergänglichkeit der Dinge und die Macht der Natur über uns Menschen vor Augen führen. Auch das ist gut gelungen.

Der Vergleich mit dem Zeitungstext sollte den sprachlichen Unterschied zu literarischen Texten deutlich machen.

Auch die weniger begabten Schüler/innen haben sich gut in den Unterricht eingebracht. Sie verstanden das Thema, erfassten den Inhalt der Ballade und sie konnten ihn problemlos wiedergeben. Sie erkannten auch die sprachlichen Unterschiede zwischen Ballade und Zeitungstext. Um die Arbeitsblätter lösen zu können, brauchten einige meine Hilfe.

Dass die Gespräche in der Standardsprache geführt wurden, ist mir nicht gelungen. Ich habe das aber auch nicht besonders eingefordert, weil die Schüler/innen freier und hemmungsloser ihre Meinungen, Gefühle, Ängste usw. ausdrücken können, wenn sie das in der Mundart tun. In anderen Stunden lege ich wieder mehr Wert darauf.

Für den Erweiterungsbereich habe ich die Parodie gewählt.
In der folgenden Stunde habe ich den Kindern die Parodie erklärt. – Eine Parodie ist eine verspottende, überzeichnende Nachahmung eines Werkes.

Als Beispiel habe ich „Der König Erl“ von Heinz Erhardt vorgelesen.


Der König Erl
(frei nach Johann Wolfgang von Frankfurt)

Wer reitet so spät durch Wind und Nacht?
Es ist der Vater. Es ist gleich acht.
Im Arm den Knaben er wohl hält,
er hält ihn warm, denn er ist erkält’.
Halb drei, halb fünf. Es wird schon hell.
Noch immer reitet der Vater schnell.
Erreicht den Hof mit Müh und Not - - -
Der Knabe lebt, das Pferd ist tot!


Das hat ihnen gefallen und ich habe die Schüler/innen angeregt, freiwillig und in Kleingruppen eine Ballade zu parodieren. Es sind großartige Werke entstanden, die mit viel Applaus nach dem Vortrag belohnt wurden. Die Schüler/innen haben in der Freiarbeit zu zweit oder zu dritt gedichtet. (Zwei Beispiele finden Sie unter „Ergebnis“.)

Wir haben Szenen aus verschiedenen Balladen pantomimisch dargestellt. Einzelne Schüler/innen stellten die Szenen dar, die anderen mussten erraten, aus welcher Ballade welche Szene war. Das war sehr lustig und es hat ihnen Spaß gemacht. Den Schüler/innen sind neben den genannten Balladen „Der Handschuh“ und „Der Taucher“ bekannt. Diese beiden Balladen haben wir in der 3. Klasse gelesen.
Man könnte auch die Schüler/innen anregen, dass sie aus einer Ballade einen Bericht oder eine Reportage für eine Zeitung machen.

Als Hausübung habe ich den Schüler/innen aufgegeben, die Ballade „Die Brück’ am Tay“ auswendig zu lernen. Sie hatten eine Woche Zeit. Manche jammerten deswegen, aber ich begründe das Auswendiglernen immer so: Erstens ist es ein gutes Training für das Gehirn, zweitens gehört es zur Allgemeinbildung, dass man Balladen auswendig kann, und drittens ist es eine Freude, wenn man eine Ballade gelernt hat und sie noch nach Jahren (wenigstens teilweise) aufsagen kann.
Ich fordere sie auch auf, die Eltern zu fragen, welche Ballade sie lernen mussten. Die Schüler/innen meldeten mir dann zurück, dass auch der Vater oder die Mutter z. B. den „Zauberlehrling“ lernen musste und noch immer kann. Auch die Schüler/innen freuten sich, dass sie nach einem Jahr den „Erlkönig“ und den „Zauberlehrling“ noch konnten!

 
 
 
  Ergebnis
 
 
Die Schüler/innen haben in diesen beiden Stunden viel Engagement, Interesse, Ideenreichtum und Aufmerksamkeit gezeigt. Das Thema hat sie interessiert, es hat sie betroffen gemacht.
Wir haben im Biologieunterricht über die Gefährlichkeit der Atomkraftwerke geredet. Deshalb verbanden sie in der Diskussion gerade dieses Thema besonders mit der Ballade.
Der Bezug, den die Ballade zur wirklichen Katastrophe hat, beeindruckte sie sehr.

Sie erkannten den sprachlichen Unterschied der verschiedenen Texte:
Ballade: gereimte Sprache, erzählend
Bericht: sachlich, nüchtern, emotionslos
Reportage: persönliche Meinungen, anschaulich

Die Arbeitsblätter konnten alle, die weniger begabten Schüler/innen mit etwas Hilfe, selbstständig lösen.
Die gesetzten Lernziele wurden von allen Schüler/innen erreicht.
Alle haben den Sinn der Ballade verstanden, alle konnten sie nacherzählen.
Sie erkannten die Absicht des Dichters und die sprachlichen Unterschiede der verschiedenen Texte.
Alle haben die Ballade innerhalb einer Woche auswendig gelernt. Die weniger begabten Schüler/innen brauchten dazu mehr Zeit und Hilfe beim Aufsagen.

In der Freiarbeit sind fünf Balladenparodien entstanden. Hier sind zwei Kostproben.

Von Kathrin und Dominik:

Die Bruckn
(frei nach Theodor Fontane)

„Wann treffen wir zehne wieda zaumm?“
„Um ochte aufd Nocht am Bruckndamm.“
„Dann gemma nüber über de Bruckn
und in da Mittn damma dann obi spuckn.“
Um ochte aufd Nocht treffns dann zamm.
Um ochte aufd Nocht am Bruckndamm.
In da Mittn vo da Bruckn woitns dann obi spuckn.
Doch ollas kimmt anders,
des hams jo net gwisst,
dass de Bruckn so leicht zammenbricht.
An Krocha mochts, es is so weit,
olle liegns untn, die oane schreit:
„Höfts ma do, i tur ertrinkn!
I versprich eich, nie wieder so tiaf zu sinkn.“
Die Wossawocht, die Feierwehr,
draufhin kumans olle her.
Sie ziangs aus dem Wosser naus,
des is an Plog, des is a Graus.
Drei dasaufn, zwa schwemmts davau,
die andern fünfe haums außa tau.
„Wann treffen wir fünfe wieda zaumm?“
„Liaber net am Bruckndamm!“

Von Daniela und Patricia:

Michael, der King
(frei nach Johann Wolfgang von Goethe)

Wer rennt so spät durch Nacht und Schnee?
Es ist die Frau Hagenhofer mit der 4d.
Sie hält die Kinder wohlig warm,
sie läuft so schnell, dass eines fällt aus ihrem Arm.
„Mein Kind, was birgst du so bang dein Gesicht?“
„Siehst, Annemarie, du das Monster nicht?“
“Das Monster mit Maske und Schweif?“
“Mein Kind, Michael Jackson ist’s im Nadelstreif.“
„Du liebes Kind, komm geh mit mir,
einen Star will ich machen aus dir.
Manch Fan wird klettern auf den Baum,
du wirst dich fühlen wie in einem Traum.“
„Annemarie, Annemarie, und hörest du nicht,
was Michael Jackson mir singend verspricht?“
„Du dummes Kind, hast zu viele Krimis gesehen.
Es ist der Wind, wirst du das endlich verstehen!“
„Willst, kleiner Star, du mit mir gehen?
Meine Frauen sollen dich machen schön.
Meine Frauen schnüren den nächtlichen Reim
und wiegen und tanzen und singen dich ein.“
„Annemarie, Annemarie, und siehst du nicht dort,
Michael Jacksons Frauen am dunklen Ort?“
„Mein Kind, es ist so finster, ich kann es nicht sehen,
wirst du wohl endlich weitergehen!“
„Ich liebe dich, mein kleiner Star,
du bist ganz einfach wunderbar.“
„Annemarie, Annemarie, jetzt greift er mich an!
Michael Jackson hat mir weh getan!“
Frau Hagenhofer grauset’s, sie rennt geschwind
und verliert wieder ein schreiendes Kind.
Sie läuft zurück und sammelt alle ein,
nur eines fehlt – der Jackson hat’s, dieses …!

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  Stellungnahmen
 
 
Das Beispiel zeigt, wie Schüler/innen zu einer intensiven Auseinandersetzung mit dem Text einer Ballade angeregt werden können, wobei der Bezug zu den gegenwärtigen Problemen der Gesellschaft „ohne Krampf“ erreicht wird. Wie sehr die Schüler/innen zur eigenen Kreativität angeregt worden sind, belegen die angeführten Schülerarbeiten von Balladenparodien.

Stellungnahme von: Elfriede Schmidinger

Ich kann mir gut vorstellen, dass diese Einheit vielen der 4d in lebhafter Erinnerung bleiben wird. Der Einstieg mit dem Vortrag der Ballade war für die Schüler/innen sicher sehr anregend – die klare Zielformulierung und -ausrichtung im Zusammenhang mit dem „Tand Atomkraftwerk“ ist für Lehrer/innen anregend. Die vergleichende Betrachtung der Zeitungsartikel und der Ballade dürfte einen zentralen Beitrag zur Zielerreichung geleistet haben. Das „heimlich wiederholende“ Auskosten anderer bekannter Balladen durch Pantomime halte ich für besonders geschickt. Den Ausklang über die Parodie finde ich Goldes wert – erfahrungsgemäß spricht diese Art von gemeinsamem Humor in diesem Alter besonders an, und gegen humorvolles, gemeinsames Lernen ist wohl kaum ein Kraut gewachsen.

Zur „dichterischen Freiheit“: Den Inhalt der Ballade finde ich faszinierend, die sprachliche Umsetzung hingegen nicht nur kunstlos (ausgenommen: Tand von Menschenhand), sondern schlecht: Hier hat Fontane jede Sprachverstümmelung und jeden Rhythmusbruch in Kauf genommen, um zu irgendeinem Reim zu gelangen. Diesen sprachlichen Krampf würde ich nicht unter den Schutz der dichterischen Freiheit stellen, sondern mit den Schüler/innen entlarven und entweder eine Parodie über den Reim-Krampf oder eine „ungereimte“ Parodie anregen.


Stellungnahme von: Hubert Josef Jungwirth

 
 
 
  Datum der Erstellung: 15.06.2002
  Datum der letzten Änderung: 16.01.2004
 
 
 
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